Der Tagungsband, erschienen 2026 |
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Unbemerkt von der Öffentlichkeit fand im Jahr 2024 eine Atlantiskonferenz statt. Am 20. und 21. November 2024 versammelten sich ein Dutzend internationaler Wissenschaftler (vorwiegend aus Italien und Deutschland) in der Aula Magna, dem großen Saal des renommierten Liceo Vincenzo Gioberti in Turin, Italien. Der Titel der Konferenz lautete auf Italienisch: "Atlantide, Atlantidi. Dal mito platonico all’invenzione di mondi fantastici", was übersetzt so viel bedeutet wie: "Atlantis, Atlantisse. Vom Platonischen Mythos zur Erfindung phantastischer Welten".
Wie aus dem Titel ersichtlich ist, handelte es sich um eine Konferenz wissenschaftlicher Atlantisskeptiker. Aber es war dennoch eine Atlantiskonferenz. Und zwar eine sehr interessante. Man sollte das nicht geringschätzen! Was Atlantisskeptiker hervorbringen, ist oft wertvolles Wissen, das unter der anderen Perspektive von Atlantis, als einem realem Ort, teilweise immer noch Gültigkeit besitzt.
Doch an dieser Konferenz ist mehr dran, wie man an dem 2026 veröffentlichten Tagungsband sehen kann: Mehrere der Beiträge erweisen sich als explizite oder implizite Antworten auf die Thesen des Atlantisbefürworters Thorwald C. Franke. Es scheint, als hätten die Atlantisskeptiker begonnen, zu erkennen, dass sie von Thorwald C. Franke ernsthaft herausgefordert werden.
Dies geht aus verschiedenen Beiträgen dieser Konferenz hervor:
Heinz-Günther Nesselrath antwortet direkt auf Thorwald C. Frankes Werke "Aristoteles und Atlantis" und "Kritische Geschichte der Meinungen und Hypothesen zu Platons Atlantis". Professor Nesselrath räumt hier erstmals in einer wissenschaftlichen Veröffentlichung ein, dass Thorwald C. Franke erfolgreich darin war, die Idee zu untergraben, dass Aristoteles mit Sicherheit der Verfasser der Erfindungsaussage in Strabon II 102 (2.3.6) ist ("dass ihr Erfinder sie (die Insel) habe verschwinden lassen wie der Dichter die Mauer der Achäer."). Und er stellt hier erstmals in einer wissenschaftlichen Publikation seine These vor, dass Eratosthenes der wahre Urheber dieser Aussage sein könnte. – Da Nesselrath auf zahlreiche Thesen von Thorwald C. Franke eingeht, hat Franke einen Kommentar zu Nesselraths Beitrag verfasst.
Gianfranco Mosconi beschreibt den politischen Wettstreit zwischen Ur-Athen und Atlantis und gelangt zu demselben Schluss wie Thorwald C. Franke in seinem 2016 erschienenen Buch "Kritische Geschichte": Während Athen seine Verfassung durch Bildung (paideia) am Leben erhält, gründet Atlantis auf dem schwindenden göttlichen Erbe und auf dem Ablegen von Eiden, was seinen schrittweisen Niedergang in die Dekadenz jedoch nicht verhindern kann. Was Franke nur in wenigen Passagen zum Ausdruck gebracht hatte, wird hier ausführlich dargelegt – ein wirklich guter Beitrag! (Man beachte, dass wahrscheinlich weder Franke noch Mosconi die ersten sind, die diesen Gedanken hatten, Mosconi jedoch sicherlich der erste ist, der ihn ausführlich ausgearbeitet hat.)
Emilia di Rocco geht ebenfalls direkt auf Thorwald C. Frankes Entdeckung aus dem Jahr 2016 ein, dass das Mittelalter nicht über Atlantis geschwiegen hat. Leider hat Emilia di Rocco vergessen zu erwähnen, dass sie vieles aus Frankes Buch übernommen hat. Thorwald C. Franke hat eine kritische Rezension dieses Beitrags verfasst.
Luigi Silvano untersucht einen Aspekt der Beziehung zwischen Herodots Historien und Platons Atlantis. Dieselbe Spur war bereits Thorwald C. Franke in seinem Buch "Mit Herodot auf den Spuren von Atlantis" aus dem Jahr 2006 verfolgt worden, doch Luigi Silvano geht natürlich viel tiefer auf diesen einen Aspekt ein. – Silvano folgt Pradeau, der ionische Wortformen in Platons Atlantisgeschichte identifiziert hat, und kommt zu dem Schluss, dass Platon viel von Herodot übernommen hat, der in ionischem Dialekt schrieb. Doch auch die ägyptischen Übersetzer waren im ionischen Dialekt geschult. Wenn man nun einzelne ionische Wortformen identifiziert, aber keine ganzen Satzteile oder zumindest Wortkombinationen, wie sie bei Herodot vorkommen: Spricht dies eher für eine Übernahme von Herodot oder deutet dies eher auf die ägyptischen Übersetzer hin?
Franco Arato schreibt über den berühmten italienischen Aufklärer Gianrinaldo Carli und dessen Vorstellung von Atlantis. Es ist weithin bekannt, dass Carli über Atlantis schrieb, aber siehe auch Frankes Buch "Kritische Geschichte".
Cristiano Ragni untersucht die Rezeption Platons und seiner Atlantisgeschichte im England der Renaissance. Sehr interessant, aber nicht ganz überzeugend. Und er hat übersehen, was Thorwald C. Franke zu diesem Thema geschrieben hatte. Ragni hat also nicht "stillschweigend" auf Frankes Buch geantwortet.
Chiara Lombardi erörtert die Rezeption der Atlantisgeschichte und geht damit auf das Thema von Thorwald C. Frankes Buch "Kritische Geschichte" ein. Lombardi konzentriert sich jedoch auf fiktionale Autoren und stellt sehr erfolgreich zwei italienische Dichter vor, die spannende Gedichte zum Thema Atlantis verfasst haben: Giambattista Casti (1724-1803) und Giacomo Leopardi (1798-1837). Für Lombardi ist es "klar", dass Atlantis eine Erfindung Platons ist. Sie beginnt ihren Artikel mit einem Verweis auf Thomas Henri Martin, der sich 1841 über die vielen Atlantishypothesen wunderte, wodurch Thomas Henri Martin zum Kronzeugen für ihre Meinung wird. Lombardi übersah jedoch, dass Thomas Henri Martin die "Klarheit" ihrer Meinung untergräbt. Denn Thomas Henri Martin glaubte, dass Platon an die Realität von Atlantis glaubte. Seiner Ansicht nach waren es die ägyptischen Priester, die Platon getäuscht hatten.
Valentina Monateri befasst sich mit der literarischen Rezeption von fiktionalen Autoren im 18. und 19. Jahrhundert, tut dies jedoch leider aus der Perspektive von Pierre Vidal-Naquet, d.h., es herrscht völlige Blindheit gegenüber jedem legitimen Versuch, Atlantis als realen Ort zu betrachten. Sie hat beispielsweise übersehen, dass Jules Verne, der kein Autor reiner Fantasie aus dem Nichts heraus war, sondern ein Science-Fiction-Autor, der sich mit möglichen zukünftigen Entwicklungen beschäftigte, in seinem Roman "20.000 Meilen unter dem Meer" einige Gelehrte auflistete, die für oder gegen die Existenz von Atlantis waren. Jules Vernes Atlantis war nicht als leere Phantasie gedacht, sondern als Versuch, aus der Perspektive seiner Zeit zu verstehen, was in der Zukunft möglich sein könnte. Für Jules Verne war die zukünftige Entdeckung von Atlantis genauso realistisch wie der zukünftige Bau von U-Booten. Inspiriert zu seiner Atlantisepisode wurde Jules Verne durch den Geologen Armand d'Avezac (1800-1875), wie in Frankes Buch "Kritische Geschichte" besprochen.
Rebecca Penna befasst sich eingehender mit der Verwendung der beiden Atlantisdialoge Timaios und Kritias in der Spätantike und stellte fest, dass der Kritias nur selten herangezogen wurde, und wenn, dann zur Verdeutlichung des Timaios. Ein gründlicher und hilfreicher Beitrag!
Marco Ciardi zeichnet die Rezeptionsgeschichte der Atlantisgeschichte vom 19. Jahrhundert bis in die 1930er Jahre nach, insbesondere in Italien, was sehr interessant ist. Allerdings spielt er zu sehr mit der Angst vor Rassismus und sieht – oder insinuiert – teilweise einen Zusammenhang zwischen Rassismus und der Suche nach Atlantis, wo dies gar nicht der Fall war (Frobenius). Überraschenderweise berichtet Ciardi über keine Verbindungen der italienischen Faschisten zur Idee, dass Atlantis ein realer Ort sei. Das bestätigt ein Forschungsergebnis aus Frankes Buch "Kritische Geschichte" (dort für Deutschland). Ciardi weist auf einen Artikel von Giuseppe De Florentiis hin, der 1939 in der Zeitschrift "Sapere" erschien, die während des Faschismus gegründet wurde und populärwissenschaftliche Inhalte im Sinne des Faschismus verbreitete. Was Ciardi übersehen zu haben scheint, ist, dass dieser Artikel Atlantisskepsis zum Ausdruck bringt. Er vertritt die Vorstellung von Atlantis als einer genialen (und deshalb "wahren") Erfindung Platons. Auch an anderen Stellen in diesem Artikel werden einige Atlantisskeptiker so erwähnt, als wären sie Atlantisbefürworter. Ciardi erwähnte auch nicht, dass Julius Evola ausdrücklich schrieb, dass er Atlantis nur als Chiffre benutzt, nicht als Realität. Obwohl etwas "Vidal-Naquet-esque", ist dieser Beitrag dennoch wertvoll.
Federico M. Petrucci liefert eine weitere Variante der Interpretation von Kritias, dem Dialogteilnehmer, als einfältigem und unphilosophischem Charakter. Diese irrige Vorstellung wurde 1977 von Warman Welliver erstmals aufgebracht und dient dazu, zu belegen, dass Atlantis nur eine Erfindung sein kann (oder dass ein bestimmter zeitgenössischer US-Präsident ein Einfaltspinsel ist wie angeblich Kritias; ja, auch Erfindungshypothesen haben ihren zeitgenössischen Hintergrund). Thorwald C. Franke wird in einer kommenden Veröffentlichung gegen diese Interpretation argumentieren.
Valentina Monateri / Rebecca Penna (Hrsg.), Atlantide, Atlantidi: Dal mito platonico all’ invenzione di mondi fantastici, Tagungsband der Internationalen Konferenz "Atlantide, Atlantidi. Dal mito platonico all'invenzione di mondi fantastici", 20./21.11.2024 Turin Aula Magna Liceo Gioberti, Band 120 der Reihe: Hellenica, Edizioni dell' Orso, Novi Ligure (Alessandria, Piemont) 2026.
Dieser Tagungsband ist in italienischer Sprache. Anders als übliche wissenschaftliche Publikationen ist er nicht teuer.
Franke (2006/2016): Thorwald C. Franke, Mit Herodot auf den Spuren von Atlantis – Könnte Atlantis doch ein realer Ort gewesen sein?, zweite, erweiterte Auflage, Verlag Books on Demand, Norderstedt 2016. Erste Auflage war 2006.
Franke (2010/2016): Thorwald C. Franke, Aristoteles und Atlantis – Was dachte der Philosoph wirklich über das Inselreich des Platon?, zweite erweiterte Auflage 2016, Verlag Books on Demand, Norderstedt 2016. Erste Auflage war 2010. Mit den Erweiterungen aus der englischen Ausgabe sowie Addenda im Anhang.
Franke (2012): Thorwald C. Franke, Aristotle and Atlantis – What did the philosopher really think about Plato's island empire?, published by Books on Demand, Norderstedt 2016. Deutsche erste Auflage war 2010. Erweiterterungen zur deutschen Auflage im Anhang.
Franke (2016/2021): Thorwald C. Franke, Kritische Geschichte der Meinungen und Hypothesen zu Platons Atlantis – von der Antike über das Mittelalter bis zur Moderne, zweite erweiterte Auflage in 2 Bänden, Verlag Books on Demand, Norderstedt 2021. Erste Auflage war 2016.