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Kommentar

zu Professor Heinz-Günther Nesselraths aktueller Sicht
auf die antike Rezeption von Platons Atlantisgeschichte
in Reaktion auf die Thesen von Thorwald C. Franke

Thorwald C. Franke
© 27. August 2026


Auf einer Konferenz von wissenschaftlichen Atlantisskeptikern in Turin 2024 stellte Heinz-Günther Nesselrath seine aktuelle Sicht auf die antike Rezeption von Platons Atlantisgeschichte dar. Der Tagungsband erschien im Jahr 2026. Nesselraths Beitrag ist eine Reaktion auf die Thesen von Thorwald C. Franke, die 2010 und 2016 in den Büchern "Aristoteles und Atlantis" und "Kritische Geschichte der Meinungen und Hypothesen zu Platons Atlantis" erschienen sind (mit erweiterten Neuauflagen; siehe die Bibliographie unten).

Erstmals veröffentlicht Heinz-Günther Nesselrath hier sein Umdenken zu Aristoteles und Atlantis und seine These zu Eratosthenes als Alternative zu Aristoteles in einer wissenschaftlichen Publikation. Teilweise wird explizit mit oder gegen Thorwald C. Franke argumentiert (der als "wichtiger deutscher Atlantologe" bezeichnet wird). Teilweise bleibt Franke aber auch unerwähnt, obwohl der ganze Artikel als eine Antwort auf Frankes Thesen zu lesen ist.

Zur Zeit Platons

Nesselrath beobachtet richtig, dass die Idee von Ur-Athen und Atlantis anfangs nicht außerhalb des Zirkels der Anhänger Platons existiert haben dürfte (S. 75).

Zwei Dinge wären sinnvoll zu ergänzen: Zum einen war mit Platons Dialog Timaios die grundsätzliche Information über Platons Atlantis natürlich sehr wohl in der Welt. Wer es lesen wollte, konnte es lesen. Der Dialog Kritias war jedoch – so kann man vermuten – bis zum Tod Platons unveröffentlicht und wurde erst posthum veröffentlicht. Zum anderen erforderte ein Glaube an die Wahrheit von Ur-Athen und Atlantis natürlich auch den Glauben an das zyklische Geschichtsbild Platons, das außerhalb der Anhängerschaft Platons eher nicht akzeptiert gewesen sein dürfte.

Unerwähnt lässt Nesselrath, dass Isokrates und Platon in ihren Werken in einem stillen Dialog über die Frage standen, ob Platon seine Ideen zum Idealstaat nach dem Vorbild Ägyptens gestaltet hat. Diese Debatte wird für die Rezeption eine Rolle spielen.

Theopomps Meropis

Noch immer hält Nesselrath daran fest, dass Theopomps Meropis eine klar erkennbare Anspielung auf Platons Atlantisgeschichte wäre; Nesselrath spricht sogar von "Beweis" (S. 75; "prova"). Auf die Argumente, die Franke dagegen vorgebracht hat, geht Nesselrath leider nicht ein. Frankes Argumente werden mit der generellen Bermerkung vom Tisch gewischt, dass eine Parodie natürlicherweise Abweichungen enthalten würde, sonst wäre es ja keine Parodie (S. 77).

Doch die Argumente von Franke sind zu gut, um sie auf diese Weise zurückzuweisen. Einige dieser Argumente lauten kurz gefasst:

Aristoteles – Implizite Argumentation

Nesselrath behauptet, dass man schon vor Frankes Untersuchung hätte wissen können, dass es keine explizite Äußerung von Aristoteles zu Atlantis gab (S. 77). Hier hat Nesselrath einen Denkfehler begangen, denn natürlich galt es bis zu Frankes Untersuchung als allgemein akzeptiertes "Wissen", dass die Erfindungsaussage in Strabon II 102 (2.3.6) ein Wort des Aristoteles ist.

Frankes Untersuchung zur "Impliziten Argumentation", d.h. zu der Frage, was man aus den Aussagen des Aristoteles indirekt über die Atlantisfrage herauslesen kann, wird von Nesselrath in übertrieben simplifizierter Weise dargestellt: Franke würde aus dem Schweigen des Aristoteles auf Zustimmung zur Existenz von Atlantis schließen (S. 78), und Franke würde aus einer Zustimmung von Aristoteles zu Teilphänomenen der Atlantisgeschichte vorschnell auf eine Zustimmung zur gesamten Atlantisgeschichte schließen (S. 78 mit Fußnote 6: Schlamm).

Doch ganz so simpel ist die Argumentation von Franke nicht. Zuerst wird nicht mit einer Zuschreibung einer klaren Alles-oder-nichts-Meinung gearbeitet, sondern Franke versucht die Meinung des Aristoteles mit Begriffen wie Ungewissheit, Neigung, Tendenz und Wahrscheinlichkeit zu fassen. Franke hat zudem eine ganze Reihe von Zusatzargumenten, z.B., dass Aristoteles den Schlamm vor Gibraltar erstaunlicherweise ohne eine alternative Erklärung zu Atlantis lässt, und das in einem Werk, dessen zentrales Thema genau solche geologischen Phänomene sind. Oder dass Aristoteles bei anderen Platonischen Mythen klare und direkte Kritik an Platon übt. Oder dass Aristoteles das zyklische Geschichtsbild Platons zu teilen scheint, das Voraussetzung für die Akzeptanz der Realität von Atlantis ist. Oder dass sich mehrere Anhänger und Nachfolger des Aristoteles explizit für die Existenz von Atlantis aussprachen, darunter Theophrast und Poseidonios.

Aristoteles – Explizite Argumentation

Nesselrath erkennt an, dass Franke die Sicherheit, mit der Aristoteles als Autor der Erfindungsaussge in Strabon II 102 (2.3.6) gesehen wurde, erfolgreich unterminiert hat (S. 78). Das bedeutet für Nesselrath nicht, dass Aristoteles als Autor ausgeschlossen ist, aber Aristoteles ist als Autor sehr unsicher geworden.

Unzutreffend ist, dass man – so Nesselrath – bisher "hypothetisiert" habe, dass Aristoteles der Autor sei (S. 78; "ipotizzato"). Nein, das waren nicht nur "Hypothesen". Es wurde als mehr oder weniger sicheres und allgemeines Wissen dargestellt, als eine klare Sache.

Theophrast

Nesselrath will nicht akzeptieren, dass ein Wort des Theophrast über Atlantis (als einem realen Ort), das uns bei Philon überliefert ist, tatsächlich ein Wort des Theophrast ist. Dazu beruft er sich auf Robert W. Sharples, der in seinem Kommentar zu Theophrast eine ganze Reihe von Autoren aufzählt, die in den letzten 150 Jahren bezweifelt haben, dass diese oder jene Passage in dem längeren Abschnitt, der laut Philon von Theophrast stammt, tatsächlich von Theophrast stammt.

Dagegen ist zu sagen: Diese Zweifel ließen sich nie erhärten bzw. wurden sogar widerlegt, wie hier die Zweifel zur Aussage zu Atlantis (Colson, Runia; siehe unten). Zurückgeblieben ist eine allgemeine Skepsis, gewissermaßen ein "Bauchgefühl". Sharples fasst dies in die Worte "It is not clear". Dieser Zweifel muss aber als schwach eingestuft werden, denn er hat keine Substanz und verdankt sich allein dem Eindruck einer längeren Reihe von historischen Zweifeln an dieser oder jener Passage, die substanzlos blieben. Speziell zu den Passagen, die auf Platons Timaios zurückgehen – und dazu gehört auch die Aussage zu Atlantis – führt Sharples neuere Autoren an, die starke Argumente dafür vorbringen, dass sie tatsächlich auf Theophrast zurückgehen. Hier ist insbesondere David N. Sedley zu nennen, der durch einen Vergleich mit Lukrez, der ebenfalls (indirekt) auf Theophrast zurückgriff, zeigen kann, dass diese Passagen direkt auf Platons Timaios zurückgehen: "I strongly suspect that the Timaean material was already included by Theophrastus".(Sharples (1998) S. 132 mit Fußnote 365, 134 f.; Sedley (1998) S. 172, 177)

Nesselrath wendet außerdem ein, dass Theophrast nur ganz am Anfang dieser langen Passage als Autor genannt wird, danach aber lange nicht mehr (S. 79 Fußnote 13). Dagegen lässt sich sagen, dass die Passage klar strukturiert ist, nämlich in vier Argumente und vier Gegenargumente, und auf diese Weise trotz ihrer Länge inhaltlich stark zusammengehalten wird. Es werden auch keine anderen Autoren inmitten der Passage genannt, auf die die Aussagen zu Atlantis sonst hätten zurückgehen können. Es werden zwar Pindar und Homer genannt, aber diese lebten deutlich vor Platon und kommen als Autoren für eine Aussage zu Atlantis wohl kaum infrage.

Nesselrath beruft sich außerdem auf Colson und Runia (S. 79), die vorgeschlagen haben, dass die Stelle zu Atlantis später eingefügt wurde. Doch Nesselrath lässt ungesagt, dass Colson dafür keinen (!) Grund angibt, während der einzige (!) Grund, den Runia vorbringt, die Autorschaft des Aristoteles der Erfindungsaussage in Strabon II 102 (2.3.6) ist. Doch diese ist hinfällig. Runia gibt offen zu, dass es für seine These einer späteren Einfügung nur "scanty evidence" gibt. Die Hinfälligkeit der Argumente von Colson und Runia kann in Frankes Publikation nachgelesen werden.

Die Argumente von Nesselrath, Theophrast von der Liste der Autoren zu Platons Atlantis zu streichen, sind völlig unzureichend. Pierre Vidal-Naquet hatte übrigens keinerlei Probleme, die Autorschaft des Theophrast anzuerkennen (er hatte ihn allerdings in eine Fußnote versteckt).

Rhetorische Blendgranate

Am Anfang der Besprechung zu Krantor baut Nesselrath eine rhetorische Blendgranate ein. Er schreibt nämlich, dass Krantor die erste Person von Bedeutung wäre, von der wir wissen, dass sie Atlantis nicht als bloße Erfindung betrachtet hätte (S. 80; Original: "Questo fa di Crantore la prima persona di spicco a noi nota che non considerò Atlantide una mera invenzione di Platone, ma un dato di fatto").

Diese Rhetorik hört sich so an, als ob es vor Krantor üblich gewesen wäre, Atlantis als bloße Erfindung zu deuten. Aber dafür hat Nesselrath keinerlei Belege! Er insinuiert das hier nur rhetorisch.

Ungesagt bleibt auch, dass die erste Welle von Zweifeln an der Atlantisgeschichte von Antiplatonikern ausgegangen sein dürfte. Hier wäre es hilfreich gewesen, die oben erwähnte stille Debatte zwischen Platon und Isokrates zu erwähnen, an die wohl auch Krantor anknüpft.

Krantor von Soloi

Nesselrath wendet sich korrekt (wenn auch etwas kurz angebunden) gegen Argumente, dass Krantor gar nicht das Subjekt in dem entscheidenden Satz bei Proklos wäre, oder dass Krantor Atlantis nicht historisch gesehen hätte.

Nesselrath verweist korrekt auf die damalige Debatte, ob Athen oder Sais die ältere Stadt ist, und dass von dieser Sichtweise womöglich auch die Einstellung zur Frage nach der Realität von Atlantis abhing (S. 81).

Mit keinem Wort erwähnt Nesselrath die Möglichkeit, dass Krantor vielleicht tatsächlich von ägyptischen Stelen wusste, auf denen die Atlantisgeschichte geschrieben stand. Gewiss: Wir wissen nicht, von welchen Stelen Krantor wirklich sprach. Aber die Möglichkeit darf nicht einfach völlig ausgeschlossen werden. Thorwald C. Franke wird in einer kommenden Publikation mehrere solche Stelen konkret benennen, die den historischen Hintergrund von Krantors Angaben hätten bilden können.

An anderer Stelle hatte Nesselrath die Bedeutung des Krantor als wichtiges Mitglied der Akademie Platons heruntergespielt, um sein Zeugnis zu entwerten. Das wurde hier unterlassen, was gut ist.

Strabon II 102: Eratosthenes

Hier stellt Nesselrath seine Idee vor, dass der Autor der Erfindungsthese in Strabon II 102 (2.3.6) mit einer guten Wahrscheinlichkeit Eratosthenes von Kyrene sein könnte. Das ist durchaus möglich, aber alles andere als sicher. Es ist grundsätzlich zu begrüßen, dass ein neues Nachdenken über den wahren Autor dieser Erfindungsaussage begonnen hat.

Leider unterlässt Nesselrath es, auf Frankes Pro- und Contra-Argumentation zu dieser These zu verweisen, die in der 2. Auflage des Buches "Kritische Geschichte" von 2021 enthalten ist (S. 133-136).

Ebenfalls hilfreich wäre es gewesen, wenn Nesselrath erwähnt hätte, dass Professor James P. Romm ebenfalls schon vor mehreren Jahren die These aufstellte, dass der Autor der Erfindungsaussage in Strabon II 102 (2.3.6) aus den Gelehrtenkreisen um Eratosthenes kommen könnte.

Strabon II 102: Poseidonios

Die Aussage von Poseidonios über die Realität von Atlantis wird von Nesselrath falsch wiedergegeben: Poseidonios habe sich zumindest dafür ausgesprochen, so Nesselrath, die Historizität von Atlantis "nicht von vornherein abzulehnen" (S. 82; Original: "si schierò almeno a favore del non rifiuto della storicità di Atlantide fin dall’inizio").

Das ist falsch. Poseidonios ist ungewiss über den Realitätsstatus von Atlantis, erklärt aber angesichts von Skeptikern, dass es statt dieser Skepsis besser ist, sich für die Realität von Atlantis auszusprechen. Die Aussage von Poseidonios ist also sehr viel deutlicher pro Existenz, als Nesselrath einräumt.

Übrigens orientierte sich Poseidonios in seinen geologischen Überlegungen eng an Aristoteles. Auch das bleibt bei Nesselrath ungesagt.

Strabon II 102: Ein unbekanntes Wort des Platon

Völlig ärgerlich ist, dass Nesselrath in Strabon II 102 ein Wort des Platon erkannt haben will, das bislang niemand dort erkannt hat, und das angeblich eine ganz erstaunliche Aussage über den Realitätsstatus von Atlantis macht. Diese These hatte Nesselrath bereits im März 2021 in einem nicht-akademischen Artikel geäußert. Die These erscheint hier erstmals in einer wissenschaftlichen Publikation.

Das angebliche Wort Platons hier kursiv gesetzt: "Dazu zitiert er [Poseidonios] auch gut Platons Meinung, dass möglicherweise auch die Geschichte von der Insel Atlantis keine Erfindung ist, der Insel, von der jener sagt, Solon habe berichtet, die ägyptischen Priester hätten ihm erzählt, dass ..." (Strabon II 102 oder 2.3.6; Übersetzung Stefan Radt)

Schon in der ersten Auflage von Frankes Aristoteles-Buch 2010 wurde klargemacht, dass dies kein Wort Platons ist, sondern ein Verweis auf Platons Timaios (S. 58), dessen Inhalt von Strabon (nicht von Platon) mit einem "möglicherweise" wiedergegeben wird (wobei es eigentlich eher ein "es ist möglich" ist). In der zweiten Auflage 2016 ergänzte Franke in den Addenda im Anhang, dass der griechische Orignaltext keinesfalls von Platons "Meinung" spricht, sondern eine typisch elliptische Wendung vorliegt ("das des Platon"), die höchstwahrscheinlich auf Platons Dialog Timaios hinweist, nicht auf eine unbekannte Meinung Platons, von der noch niemand gehört hat, und die in 2000 Jahren niemand in diesem Satz sehen wollte ("Aristoteles und Atlantis" 2. Auflage S. 164).

Schließlich hat Franke 2021 in der 2. Auflage des Buches "Kritische Geschichte" auf über vier Seiten eine ausführliche Argumentation geführt, warum die Idee, dass hier ein unbekanntes Wort Platons vorläge, einfach nur Nonsens ist ("Kritische Geschichte" 2. Auflage S. 99-104). Nicht nur die Grammatik, auch die Unlogik der inhaltlichen Aussage dieses angeblichen Wortes von Platon führt schnell zu der Erkenntnis, dass das nicht sein kann. Franke präsentierte auch eine bessere Übersetzung der Stelle. Sie lautet:

Strabon sagt:
"Dazu führt er [Poseidonios] gut auch Platon an,
– dass es (nämlich durchaus) möglich ist,
dass das über die Insel Atlantis (Gesagte) ebenfalls keine Erfindung ist –
             über die jener [Platon] (nämlich folgendes) sagte, ..."

"πρὸς ὃ καὶ τὸ τοῦ Πλάτωνος εὖ παρατίθησιν,
– ὅτι ἐνδέχεται
καὶ μὴ πλάσμα εἶναι τὸ περὶ τῆς νήσου τῆς Ἀτλαντίδος –
             περὶ ἧς ἐκεῖνος ἱστορῆσαι ..."

Die Passage zwischen den Gedankenstrichen ist kein Wort des Platon, sondern ein Wort des Strabon über Poseidonios über Platon. Es ist Strabon bzw. Poseidonios, der es für möglich hält, nicht Platon. Erst danach kommt dann das, was Platon sagt, wie extra gesagt wird. Man beachte, dass das altgriechische Original keine modernen Kommas oder Gedankenstriche enthält.

Schon im März 2021 stellte Franke dazu in einem Internet-Artikel die Frage, was dieses seltsame Manöver von Nesselrath soll? Ob hier eine neue Nebelkerze und Blendgranate zu Atlantis in die Welt geworfen werden soll? "What are Nesselrath's plans with this alleged Plato quote? Is it intended to live in "scientific" Atlantis literature for the next 100 years, but without ever being discussed when the topic is not Atlantis, just as the alleged Aristotle quote lived in scientific Atlantis literature for 150 years, while it was never taken into account by Aristotle researchers, or Plato researchers not dealing with Atlantis?"

Es ist bedauerlich, dass Nesselrath auf alle diese Argumente und Einwände nicht eingeht, ja, dass er deren Existenz noch nicht einmal erwähnt. Außerdem lässt Nesselrath unerwähnt, dass bereits John V. Luce die irrige Idee hatte, hier ein unbekanntes Wort des Platon zu sehen. John V. Luce ist mit dieser Meinung allein geblieben. Zurecht. Der ganze Vorgang ist unnötig und einfach nur ärgerlich.

Römische Kaiserzeit

Nesselrath glaubt, dass jetzt erst, nach und wegen Poseidonios, eine weitere Diskussion über Atlantis als realen Ort in Gang gekommen sei (S. 83). Doch das ist falsch. Denn es gab mehrere starke und deutliche Autoren pro Existenz schon vor Poseidonios, während wir keinen einzigen Skeptiker contra Existenz aus dieser Zeit mit Namen kennen.

Mindestens zwei starke Autoren nennt Nesselrath selbst! Der eine ist Krantor. Der andere ist natürlich Platon selbst, von dem Nesselrath ein unbekanntes Wort über den Realitätsstatus von Atlantis in Strabon II 102 erkannt haben will! Warum hat dieses angebliche Wort des Platon nicht schon früher Wirkung entfaltet? Vielleicht, weil es kein Wort des Platon ist?

Aber es gibt noch mehr Autoren vor Poseidonios: Natürlich Theophrast, den Nesselrath nicht gelten lassen will. Und dann ist da noch das Zeugnis des Apollodoros von Athen (ca. 180-120 v.Chr.). Von Apollodoros ist eine Passage überliefert, in der eine lange Reihe von damals bekannten phantastischen Geschichten aufgezählt wird: Theopomps Meropis, die Insel Panchaia usw. usf. – doch eine Geschichte fehlt: Atlantis. Ausgerechnet die angebliche Urgeschichte aller späteren phantastischen Geschichten fehlt. Daraus kann man mit einer guten, wenn auch nicht sicheren Wahrscheinlichkeit ex negativo schließen, dass Apollodoros die Atlantisgeschichte wohl nicht für eine Erfindung hielt. Und nebenbei kann man schließen, dass die ganzen phantastischen Geschichten für Apollodoros nicht auf die Atlantisgeschichte zurückgehen. Nesselrath hätte Apollodoros wenigstens erwähnen können.

Nach Poseidonios nennt Nesselrath Strabon und Philon, außerdem Tertullian, Arnobius, Ammianus Marcellinus (S. 83 f.). Ebenso Plinius der Ältere, wobei die korrekte Lesart, dass sich dessen Zweifel nicht auf die Existenz, sondern auf die Größe von Atlantis bezieht, in eine Fußnote versteckt wurde, in der Plinius außerdem für "leichtgläubig" erklärt wird (S. 84 mit Fußnote 38: "credulone").

Thorwald C. Franke hat in seinem Buch "Kritische Geschichte" ein langes Kapitel, in dem er viele antike Autoren aufzählt, die Atlantis zwar nicht direkt erwähnen, die aber Aussagen machen, die es sehr wahrscheinlich sein lassen, dass sie an Atlantis als Realität glaubten. Zu nennen sind u.a. Loukios Kalbenos Tauros, Atticus Platonicus, Kelsos, Theophilos von Antiochia, Galenos, Hippolytos von Rom, Longinos, Calcidius, Eusebius von Caesarea, Macrobius, Hermias, Damaskios, Johannes Philoponos. Zu all diesen Autoren sagt Nesselrath: Nichts.

Kaiserzeitlicher Platonismus

Plutarch wird genannt, doch Nesselrath übergeht dessen Beschreibung der Atlantisgeschichte als "logos oder mythos" ohne Kommentar (S. 84 f.). Das ist schade, denn Plutarch hatte eine differenzierte Meinung.

Dann Proklos. Nesselrath diskutiert hier die verschiedenen Namen, die spätere Autoren für den ägyptischen Priester, der Solon die Atlantisgeschichte erzählte, gefunden haben wollen (S. 85). Nesselrath hätte hier erwähnen können, dass die später gefundenen Namen des ägyptischen Priesters auch in Frankes Buch "Kritische Geschichte" diskutiert werden, und dass – nach Franke – die Namenlosigkeit des Priesters bei Platon ein weiteres Indiz für die Realität der Geschichte ist (Exkurs bei Plutarch: Der Name des ägyptischen Priesters). Franke nennt außerdem eine weitere Stelle bei Clemens von Alexandria mit Priesternamen, die Nesselrath übergeht.

Nesselrath möchte diese Namenssucher die ersten "Atlantologen" nennen. Das kollidiert aber mit Nesselraths eigenen Erkenntnissen, dass diese Namen durchaus historisch gemeint sein könnten (S. 85, speziell Fußnote 41). Wenn man schon nach den ersten "Atlantologen" fragen möchte (diese Bezeichnung ist natürlich despektierlich), dann wären Solon und der ägyptische Priester in Sais die ersten "Atlantologen" gewesen: Denn diese deuteten den ägyptischen Urtext der Atlantisgeschichte so, dass sie Atlantis bei den "Säulen des Herakles" vermuteten – ein Begriff, der im ägyptischen Urtext natürlich nicht vorkam, worüber sich Platon auch bewusst war(Timaios 24e).

Von den Platonikern der römischen Kaiserzeit behauptet Nesselrath, dass sie alles, was Platon geschrieben hatte, ernst nahmen (S. 86). Allerdings kollidiert das mit Nesselraths eigener Darstellung der Neuplatoniker, von denen einige nur Fiktion und Allegorie in Platons Atlantisgeschichte sehen wollten. Man denke auch daran, dass Atlantisskeptiker den als besonders nüchtern und sachlich geltenden Platoniker Longinos häufig als Atlantisskeptiker dargestellt haben, der er aber – wie so oft – wahrscheinlich gar nicht war (siehe Frankes Besprechung zu Männlein-Robert: Longin).

Dionysios Skytobrachion

Zu Dionysios Skytobrachion und dessen Atlantioi wiederholt Nesselrath seine These, dass hier ältere Mythen (platt-)rationalistisch und euhemeristisch gedeutet wurden (S. 87), nur um zugleich zu behaupten, dass Dionysios Skytobrachion Umdeutungen und Kollagen vorgenommen hat, die diesem Prinzip widersprechen und eher von Romanautoren her bekannt sind (S. 88 f.). Einige Seiten später vergleicht Nesselrath Dionysios Skytobrachion tatsächlich mit dem mutmaßlichen Romanautor Marcellus: Ein unzulässiger Vergleich (S. 93).

Franke zufolge haben die Atlantioi des Dionysios Skytobrachion rein gar nichts mit Platons Atlantis zu tun, so wie die Atlantes des Herodot ebenfalls nichts mit Platons Atlantis zu tun haben. Eine Rückwärtskonstruktion der euhemeristischen Deutung führt zu ganz anderen Quellen, aber nicht zu Atlantis, wie Franke zeigt (Buch "Kritische Geschichte"). Leider lässt Nesselrath diese Deutung völlig unerwähnt. Er argumentiert auch nicht dagegen.

Aelianus – Marcellus

Zur Deutung von Aelianus und Marcellus gibt es eine Übereinstimmung von Nesselrath und Franke. Nesselrath verweist darauf, dass Franke Nesselraths Vermutung über Charakter und Herkunft dieser Texte für "plausibel" hält (S. 90 Fußnote 54).

Fazit

Die Diskussion um die antike Rezeptionsgeschichte hat sich durch Thorwald C. Franke sehr verändert. Theophrast wird nicht mehr in einer Fußnote versteckt. Krantor wird nicht mehr in der Spätantike bei Proklos versteckt. Poseidonios wird nicht mehr als "Zweifler" eingeordnet. Strabon auch nicht mehr. Plinius nicht mehr. Plutarch nicht mehr. Ebenso Proklos nicht mehr. Und der falsche Glaube an Aristoteles als Autor der Erfindungsaussage in Strabon II 102 (2.3.6) ist gebrochen. Die Anhänger der Erfindungsthese kämpfen ihre letzte Schlacht.

Nesselrath vermeidet es leider sehr oft, auf Argumente von Franke einzugehen. Teilweise gibt er die Thesen von Franke nur oberflächlich wieder. Teilweise bleibt Franke völlig unerwähnt. Dieses Vorgehen genügt leider nicht, um argumentativ zu überzeugen. Nesselraths Versuch, eine Rezeptionsgeschichte zu konstruieren, in der die Erfindungsthese nach wie vor die Oberhand hat, kann als gescheitert gelten.

Man beachte auch, dass es in den ersten 500 Jahren nach Platon praktisch keinen (!) namentlich bekannten Atlantisskeptiker gibt. Auch Nesselrath kann keinen Namen nennen, so sehr er auch die These von der Erfindung von Atlantis als einer angeblich frühen und initialen Meinung rhetorisch zu insinuieren versucht. Numenios von Apamea (um 150 n.Chr.) ist der erste namentlich bekannte Atlantisskeptiker. Die Atlantisskeptiker davor sind namenlose Antiplatoniker und andere namenlose Zweifler, deren namenlose Existenz uns nur durch die Aussagen von Atlantisbefürwortern bekannt ist.

Bibliographie – Nesselrath

Nesselrath (2026): Heinz-Günther Nesselrath, Atlantide nella letteratura antica dopo Platone, in: Valentina Monateri / Rebecca Penna (Hrsg.), Atlantide, Atlantidi: Dal mito platonico all’ invenzione di mondi fantastici, Tagungsband des Convegno Internazionale "Atlantide, Atlantidi. Dal mito platonico all'invenzione di mondi fantastici", 20./21.11.2024 Turin Aula Magna Liceo Gioberti, Band 120 der Reihe: Hellenica, Edizioni dell' Orso, Novi Ligure (Alessandria, Piemont) 2026; S. 75-96.

Bibliographie – Andere

Franke (2010/2016): Thorwald C. Franke, Aristoteles und Atlantis – Was dachte der Philosoph wirklich über das Inselreich des Platon?, zweite erweiterte Auflage 2016, Verlag Books on Demand, Norderstedt 2016. Erste Auflage war 2010. Mit den Erweiterungen aus der englischen Ausgabe sowie Addenda im Anhang.

Franke (2012): Thorwald C. Franke, Aristotle and Atlantis – What did the philosopher really think about Plato's island empire?, published by Books on Demand, Norderstedt 2016. Deutsche erste Auflage war 2010. Erweiterterungen zur deutschen Auflage im Anhang.

Franke (2016/2021): Thorwald C. Franke, Kritische Geschichte der Meinungen und Hypothesen zu Platons Atlantis – von der Antike über das Mittelalter bis zur Moderne, zweite erweiterte Auflage in 2 Bänden, Verlag Books on Demand, Norderstedt 2021. Erste Auflage war 2016.

Sedley (1998): David N. Sedley, Lucretius and the Transformation of Greek Wisdom, Cambridge University Press, Cambridge 1998.

Sharples (1998): Robert W. Sharples, Theophrastus of Eresus – Sources for his life, writings, thought, and influence – Commentary Vol. 3.1: Sources on Physics (Texts 137-223) with Contributions on the Arabic Material by Dimitri Gutas, Verlag Brill, Leiden / Boston / Köln 1998.



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