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Lionardo Vigo 1858: Der sizilianische Ignatius Donnelly

Eine weitere eigenwillige Atlantishypothese über das westliche Mittelmeer als Wiege der Zivilisation

Thorwald C. Franke
© 16. September 2026



Der sizilianische Jurist und Privatforscher Lionardo Vigo Calanna (1799-1879), Marchese di Gallodoro, gilt vor allem wegen seines 1857 erschienen Werkes Canti Popolari Siciliani als Begründer der sizilianischen Volkskunde. Er setzte sich auch für die Wiederbelebung der 1671 gegründeten Accademia dei Zelanti in seiner Heimatstadt Acireale ein, wo sein Nachlass bis heute verwahrt wird. Als glühender Lokalpatriot wandte sich Vigo gegen jede Form von Fremdherrschaft über Sizilien, sei es durch die Bourbonen in Neapel oder später durch die Regierung des vereinigten Italien in Rom, wobei er die Vereinigung Italiens im Grundsatz befürwortete. Sein Ideal war die Verfassung Siziliens von 1812, die der Bourbonen-König Ferdinand den Sizilianern auf Druck der Engländer gewährt hatte, nachdem er vor Napoleon aus Neapel nach Sizilien geflohen war; sie galt nur bis 1816. Im Jahr 1848 war Vigo Abgeordneter im revolutionären Parlament in Palermo.

Im Jahr 1858 begann Lionardo Vigo mit der Abfassung seines Werkes Protostasi Sicula o Genesi della Civiltà (übersetzt: Sizilischer Vorrang oder die Genese der Zivilisation), das er 1864 im wesentlichen vollendete, jedoch nie in Druck gab. Im Jahr 1897 erfuhr eine breitere Öffentlichkeit von diesem Werk durch die Biographie Vigos von Giambattista Bertazzi, die dessen Inhalt auf 14 Seiten zusammenfasste. Doch erst im Jahr 2017 wurde das Werk von Giacomo Girardi bearbeitet, kommentiert und herausgegeben, unterstützt von Antonino De Francesco und der Accademia di Scienze, Lettere e Belle Arti degli Zelanti e dei Dafnici – wie sie inzwischen heißt – in Acireale. (Vigo (1858 ff./2017) S. xx, S. 8; Bertazzi (1897) S. 402 f.; vgl. Ciardi (2026) S. 194)

Für Lionardo Vigo war Platons Atlantis ein realer Ort. Gegen die Vertreter der Erfindungsthese, die unsere Sinne mit Allegorien vernebeln wollen, führte Vigo eine lebhafte Argumentation, die einige gute Argumente vorbringt und auch heute noch Sympathie erwecken kann (Vigo (1858 ff./2017) S. 6, 90-92).

Lionardo Vigo lokalisierte Platons Insel Atlantis im westlichen Mittelmeerraum (Vigo (1858 ff./2017) S. 8, 10, 20 f.). Dabei argumentierte er konsequent mit dem engeren geographischen Horizont der damaligen Zeit (Vgl. z.B. Vigo (1858 ff./2017) S. 5). Die Meerenge von Gibraltar gab es damals noch gar nicht und von Amerika wusste auch niemand etwas. Als Überreste des untergegangenen Atlantis werden wiederholt die Insel Sizilien und die Insel Malta genannt, sowie die umliegenden kleineren Inseln (Vigo (1858 ff./2017) S. 9, 20 f., 61). Atlantis habe sich nach Norden ins Tyrrhenische Meer und nach Süden in Richtung Afrika ausgedehnt, doch anders als bei Delisle de Sales gehörten Sardinien und Korsika nicht dazu (Vigo (1858 ff./2017) S. 58, 87). Afrika wurde als der gegenüberliegende Kontinent aus der Atlantisgeschichte gedeutet (Vigo (1858 ff./2017) S. 10). Vigo diskutierte auch die Bedeutung der griechischen Worte pelagos, Okeanos und thalassa (Vigo (1858 ff./2017) S. 12-19). Dabei kam er zu dem Schluss dass das Meer westlich von Sizilien als Okeanos bezeichnet wurde, das Meer östlich davon als pelagos (Vigo (1858 ff./2017) S. 20, 62) Der Hauptort von Atlantis wird wiederholt als untergegangen bezeichnet (Vigo (1858 ff./2017) S. 54, 58, 202), er lag also nicht auf Sizilien oder Malta, sondern an einem nicht näher bezeichneten Ort, der heute unter dem Meer liegt. Untergegangen sei Atlantis durch den Durchbruch der Meerengen beim Maeotis-Meer (Asowsches Meer) und bei den Dardanellen (Bosporus), in dessen Folge dann auch der Durchbruch bei Gibraltar entstanden sei (Vigo (1858 ff./2017) S. 54 f.).

Streng genommen hat Lionardo Vigo die Insel Sizilien nicht mit Atlantis gleichgesetzt, auch wenn sein politischer Fokus völlig auf Sizilien ausgerichtet war. Für Vigo war Atlantis eine viel größere Insel, zu der Sizilien zwar dazu gehörte, deren Hauptort aber nicht auf dem heutigen Sizilien lag. Sizilien war für Vigo also nur ein Randbereich von Atlantis. Diese These erinnert an die These von Axel Hausmann aus dem Jahr 2000, der Atlantis in jener großen Insel erblicken wollte, die entsteht, wenn der Meeresspiegel des Mittelmeeres stark absinkt (Hausmann (2000)). Axel Hausmann glaubte, dass die Hauptstadt von Atlantis um 3500 v.Chr. auf dem sogenannten Malta-Plateau lag, also genau zwischen Malta und Sizilien.

Chronologisch ist Lionardo Vigo noch ganz einer biblischen Perspektive verhaftet. Die Entstehung des Menschen setzte er wie James Ussher im Jahr 4004 v.Chr. an. Die Sintflut geschah 3617 v.Chr., die Flut des Deukalion 1541 v.Chr. und die Flut des Dardanus 1480 v.Chr. (Vigo (1858 ff./2017) S. 181-185) Die Zivilisation von Atlantis wurde von Vigo zwischen der Sintflut und der Flut des Dardanus angesetzt, die zugleich den Untergang von Altantis markiert (Vigo (1858 ff./2017) S. 59, 67).

Lionardo Vigo glaubte, dass Atlantis die Wiege der Zivilisation der gesamten Menschheit war. Das möchte Vigo streng unterscheiden von dem Ursprungsort der Menschheit (Vigo (1858 ff./2017) S. 4). Die Atlanter waren identisch mit den Pelasgern, weshalb Vigo immer wieder das Adjektiv "atalanto-pelasgo" verwendete. Nach der Sintflut seien die Menschen überall völlig kulturlos gewesen, sie kannten kein Feuer und waren sogar Menschenfresser (Vigo (1858 ff./2017) S. 65). Von Atlantis aus habe sich die Zivilisation nach Osten ausgebreitet: Zuerst nach Italien (Vigo (1858 ff./2017) S. 93 ff.). Und dann immer weiter nach Osten, bis nach "den Indien", also ganz Asien, wobei Bacchus eine wichtige Rolle spielte (Vigo (1858 ff./2017) S. 28, 44, 172 ff.). Für diese Thesen stützte sich Vigo maßgeblich auf Diodorus Siculus (Vigo (1858 ff./2017) S. 28, 174; Diodor I 19, III 60, 63 ff.).

Die Sikaner waren Vigo zufolge Atlanter, die den Untergang von Atlantis in den Bergen der untergehenden Insel, d.h. in den übriggebliebenen Inseln, überlebt hatten (Vigo (1858 ff./2017) S. 70, 193, 202). Auch die Sikuler galten als Atlanter, nämlich als ausgewanderte Atlanter bzw. Pelasger, die später wieder nach Sizilien zurückwanderten (Vigo (1858 ff./2017) S. 189, 195). Die Atlantisgeschichte Platons beschreibt nach Vigo die Kultur der Sikaner vor dem Untergang von Atlantis (Vigo (1858 ff./2017) S. 207), doch Vigo scheiterte sichtlich daran, die Beziehungen zwischen Platons Atlantisgeschichte und der Kultur der Sikaner und Sikuler aufzuzeigen.

Lionardo Vigos Beschreibung der Kultur der Sikaner und Sikuler ist eine recht oberflächliche und zusammenhanglose Wiedergabe der bekannten sizilischen Mythen über Götter und Helden (Vgl. z.B. Vigo (1858 ff./2017) S. 35-81, 127, 208) und was bei griechischen Autoren über die Sikaner und Sikuler überliefert ist (Vgl. z.B. Vigo (1858 ff./2017) S. 193-217). Vigo schaffte es nicht, diese Überlieferungen und Mythen zueinander in Beziehung zu setzen und fruchtbare Schlussfolgerungen zu ziehen, und Vigo scheiterte völlig daran, klare Bezüge zu Platons Atlantisgeschichte aufzuzeigen. Schlimmer noch: Vigo unterschied nicht zwischen der allgemeinen griechischen Mythologie und der besonderen Mythologie Siziliens, so dass die Besonderheiten Siziliens zwar kursorisch genannt werden, jedoch völlig aus dem Blick geraten und in der Fülle der unpassenden Informationen untergehen.

An einigen wenigen Stellen hat Vigo etwas richtig erkannt. So z.B., dass die Kyklopen und Laistrygonen kein Volk vor den Sikanern waren, wie Thukydides meinte, sondern dasselbe Volk (Vigo (1858 ff./2017) S. 193). Ein einziges Mal wird Neptun als der Hauptgott der Atlanter angesprochen, aber die Aussage erscheint eher als Wiedergabe von Platons Atlantisgeschichte und nicht als Aussage über Sikaner und Sikuler (Vigo (1858 ff./2017) S. 81). Diese Erkenntnis wird im ganzen restlichen Buch auch nicht wiederholt, obwohl sehr viel von den Göttern der Atlanter die Rede ist. Einmal wird gesagt, dass der erste Kult des Neptun angeblich in Messina begründet wurde (Vigo (1858 ff./2017) S. 35). Aber es wird nichts daraus gemacht. Lionardo Vigo ist daran gescheitert, die Beziehungen zwischen der Kultur von Platons Atlantis mit der Kultur der Sikaner und Sikuler aufzuzeigen.

Die Überlegungen von Vigo entstanden nicht im luftleeren Raum. Im 19. Jahrhundert wurde die Pflege der Regionalgeschichte vor der Zeit der Römer zu einer populären Betätigung in Italien, u.a. auch als Protest gegen eine übergriffige Zentralregierung in Rom (Vigo (1858 ff./2017) S. xiv, xxiii f.). Die These, dass die Pelasger die Vorläufer der italischen Völker waren, war damals weit verbreitet und wurde von Gelehrten wie Vincenzo Gioberti vertreten (Vigo (1858 ff./2017) S. xxi f.). Schließlich ist Angelo Mazzoldi mit seiner Atlantisthese von 1840, dass die italischen Pelasger Überlebende des untergegangenen Atlantis waren, der direkte Vorläufer von Lionardo Vigo. Nur, dass Vigo die Region des untergegangenen Atlantis auf Sizilien und Malta verengte (Vigo (1858 ff./2017) S. xix, 9).

Lionardo Vigo machte keinen Hehl daraus, dass seine Motivation keine rein wissenschaftliche war. Er formulierte selbst das klare Ziel, den zivilisatorischen Vorrang Siziliens vor Italien aufzuzeigen, was natürlich auch höchst politisch und gegenwärtig gemeint war (Vigo (1858 ff./2017) S. 3 f.). Deshalb auch der Titel Protostasi Sicula. Das italienische Wort "protostasi" leitet sich von dem griechischen Wort protostateo bzw. protostasia ab, was "voranstehen" bzw. "Vorrang" bedeutet. Der Titel des Werkes lautet also "Der sizilische Vorrang" und macht überdeutlich, worum es dem Autor ging. Darüber hinaus wandte sich Vigo gegen die vorherrschende Meinung, dass die Kultur aus dem Osten kam. Statt dessen wollte er zeigen, dass die Kultur aus dem Westen kam und zwar ausgerechnet aus seiner eigenen Heimat. Hier zeigt sich – bei allem Respekt vor einem gesunden Lokalpatriotismus – ein gewisser Chauvinismus, der nicht ertragen kann, dass die Zivilisation das Ergebnis eines langen Entwicklungsprozesses ist, an dem das eigene Land nur am Rande oder nur spät teilgenommen hat.

Leider finden wir bei Lionardo Vigo auch expliziten Rassismus. Im Zusammenhang mit Ägypten kam Vigo auf die weiße und die schwarze Rasse zu sprechen. Schwarze Menschen haben Vigo zufolge eine geringere Hirnmasse als weiße Menschen. Deshalb seien "die Weißen Lehrer und Herrscher, die Schwarzen sind uns untertan." (Vigo (1858 ff./2017) S. 144; Original: "Da cui i bianchi docenti ed imperanti, i neri a noi sottoposti.") Das ist mehr als nur der damals übliche "Hintergrundrassismus", das ist ein sehr offener und direkter Rassismus, der auch damals schon auf Kritik gestoßen sein dürfte. Immerhin verband Vigo diesen Rassismus nicht mit Atlantis und dessen Kulturtransfer bis nach nach Asien. Mehr als diese eine rassistische Passage findet sich nicht. Man könnte höchstens die Aufzählung der Völker, die im Kaukasus aus der biblischen Arche stiegen, als rassistische Aussage deuten: Vigo zufolge kamen Inder, also Asiaten, amerikanische Indianer und Europäer aus der Arche (Vigo (1858 ff./2017) S. 173). Von Afrikanern ist jedoch nicht die Rede.

Man könnte Lionardo Vigo einen "sizilianischen Ignatius Donnelly" nennen, der seine politischen und kulturellen Vorstellungen in seiner Idee von Atlantis zum Ausdruck brachte. Allerdings hätte sich Donnelly entschieden gegen den Rassismus gewandt, der bei Vigo zum Ausdruck kommt.


Bibliographie

Bertazzi (1897): Giambattista Grassi Bertazzi, Lionardo Vigo e i Suoi Tempi, Cav. Niccolò Giannota Editore, Catania 1897.

Ciardi (2026): Marco Ciardi, Atlantide dalla scienza alla cultura di massa: riflessioni e nuovi documenti, in: Valentina Monateri / Rebecca Penna (Hrsg.), Atlantide, Atlantidi: Dal mito platonico all’ invenzione di mondi fantastici, Tagungsband des Convegno Internazionale "Atlantide, Atlantidi. Dal mito platonico all'invenzione di mondi fantastici", 20./21.11.2024 Turin Aula Magna Liceo Gioberti, Band 120 der Reihe: Hellenica, Edizioni dell' Orso, Novi Ligure (Alessandria, Piemont) 2026; S. 185-204.

Franke (2016/2021): Thorwald C. Franke, Kritische Geschichte der Meinungen und Hypothesen zu Platons Atlantis – von der Antike über das Mittelalter bis zur Moderne, zweite erweiterte Auflage in 2 Bänden, Verlag Books on Demand, Norderstedt 2021. Erste Auflage war 2016.

Hausmann (2000): Axel Hausmann, Atlantis – Die versunkene Wiege der Kulturen, Verlag BoD, Norderstedt 2000.

Vigo (1858 ff./2017): Lionardo Vigo, Protostasi Sicula o Genesi della Civiltà, hrsgg. von Giacomo Girardi, Präsentation von Giuseppe Contarino, Vorwort von Antonino De Francesco, Arbor Sapientiae Editore, Rom 2017.



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