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Jane E. Harrison 1912

Offen für ein reales Atlantis – gegen die Erfindungsthese

Thorwald C. Franke
© 08. März 2026



Jane E. Harrison, mit H.F. Stewart,
Gilbert Murray, Francis Cornford
(Cambridge Ritualists)

Biographie

Jane Ellen Harrison (1850-1928) war eine klassische Archäologin und Altertumsforscherin. In England war sie eine der ersten weiblichen Wissenschaftlerinnen. 1898-1922 war sie Dozentin am Newnham College der Universität Cambridge.

In ihrer wissenschaftlichen Arbeit befasste sich Jane Harrison mit den Themen Religion, Kult und Ritual, und konzentrierte sich auf die Deutung des auf Vasen und Münzen überlieferten Bildmaterials. Ihre Werke wurden breit rezipiert und prägten die Wissenschaft ihrer Zeit stark. Jane Harrison war zu ihrer Zeit eine weithin anerkannte Autorität auf ihrem Gebiet. Sie wird der Schule der sogenannten "Cambridge Ritualists" zugerechnet.



Jane E. Harrison, Themis, 1912

Atlantis

An einer einzigen Stelle ihres umfangreichen Werkes gab uns Jane Harrison einen deutlichen Einblick, was sie über Platons Atlantis dachte. Auf S. 163 f. ihres 1912 erschienenen Werkes Themis – A Study of the Social Origins of Greek Religion kam sie auf das Ritual des Stierkultes in Platons Atlantis zu sprechen, und auf S. 164 schrieb sie dazu:

"It has been happily suggested that the lost island of Atlantis reflects the manners and customs, the civilization generally, of Crete, which after its great Minoan supremacy sank, for the rest of Greece, into a long oblivion. It is also very unlikely that Plato would invent ritual details which in his day would have but little significance. But we have definite evidence that the ritual described is actual, not imaginary, though this evidence comes not from Crete but from another region of the 'Mycenaean' world. The coin of Ilium ... shows, I think, very clearly, how the bull was sacrificed. The human-shaped goddess Athena Ilias is there with her fillet-twined spear and her owl; but to the right is an older sanctity, a pillar on to which is hung a bull. He will be sacrificed, not on the pillar's top, which would be extremely awkward, but with his head and his throat to be cut against the top, alongside of it, down over it (katà koryphèn)."

An die Erwähnung von Kreta, das sich in Atlantis spiegele, fügte Harrison diese Fußnote an:

"See an interesting article The Lost Continent in the Times for Feb. 19, 1911."

Es ist offensichtlich, dass Harrison hier auf K.T. Frosts anonym veröffentlichten Artikel The Lost Continent verwies, der am 19. Februar 1909 erschien (nicht 1911).

Was bedeutet das?

Wir müssen diese wenigen, aber bedeutsamen Worte mit großer Sorgfalt lesen. Zunächst begrüßte Harrison ("happily", "interesting") die Atlantishypothese von K.T. Frost. Dann sprach sie sich gegen die Vorstellung aus, dass Platon das Ritual "erfunden" habe. Sie betonte dies, indem sie das Wort invent kursiv schrieb. Schließlich fügte Harrison einen archäologischen Beleg hinzu – eine Münze – dass solche Rituale tatsächlich in der "mykenischen" Welt existierten. Das Wort "Mycenaean" wurde von ihr in Anführungszeichen gesetzt, da die Münze selbst natürlich aus späterer Zeit stammt. Die stillschweigende Annahme ist, dass das auf der Münze abgebildete Ritual auf mykenische Zeiten zurückgeht.

Wir dürfen aus diesen Worten nicht zu viel herauslesen. Es ist keine ausgemachte Sache, dass Harrison die Atlantishypothese von Frost komplett unterstützt hat. Aber es wird sehr deutlich, dass Harrison gegen die Vorstellung war, dass das Stierritual in Platons Atlantis eine bloße Erfindung ist. Harrison ging stark davon aus, dass Platon sich auf historische Quellen stützte. Das ist der Kern ihrer Aussage. Deshalb begrüßte sie Frosts Hypothese.

Ob Platon historische Quellen als Puzzleteile für eine konstruierte Geschichte heranzog, oder ob Platon historische Quellen in der Überzeugung heranzog, dass die gesamte Atlantisgeschichte mehr oder weniger wahr ist, sagte Jane Harrison nicht. Aber wir können zumindest eine gewisse Offenheit gegenüber der letzteren Idee feststellen, da Harrison die Hypothese von K.T. Frost eindeutig ohne jegliche Vorbehalte begrüßte. Auch die Anwendung der Idee des "Versinkens in Vergessenheit" ("sank ... into a long oblivion") auf Kreta als Parallele zum Untergang von Atlantis deutet zumindest darauf hin, dass Harrison sehr offen dafür war, Kreta als das reale Atlantis zu diskutieren.

Alles in allem war Jane Harrison also zumindest offen für eine Diskussion über Kreta als das reale Atlantis, und sie war eindeutig gegen die Vorstellung, dass Platon die Atlantisgeschichte einfach erfunden habe.

Andere Stellen

Jane Harrison streifte das Thema Platons Atlantis mehrfach in anderen Werken. Aber die Aussagen lassen keine tieferen Rückschlüsse auf ihre Meinung zu. Es gibt z.B. mehrere Aussagen über Platons Beschreibung von Ur-Athen. Oder Harrison bezeichnete Arthur Evans' minoisches Kreta scherzhaft als "sein neues Atlantis".

Was wir jedoch sagen können, ist, dass Harrison – obwohl sie das Thema mehrfach angesprochen hat – niemals Vorbehalte gegenüber der Realität von Atlantis geäußert hat, wie es moderne Wissenschaftler eilig tun würden. Dass Harrison nie das Bedürfnis verspürte, Vorbehalte gegenüber der Realität von Platons Atlantis anzumelden, ist an sich schon eine sehr aussagekräftige Feststellung.

Moderne Kritik

Die Ideen der „Cambridge Ritualists” wurden im Laufe der Jahre vielfach kritisiert. In ihrem 2000 erschienenen Buch The Invention of Jane Harrison kritisiert Mary Beard, dass Jane Harrison sich zu sehr auf Bilder und Darstellungen konzentrierte und freie Assoziationen zwischen Bildern und Darstellungen herstellte. Zu freie Assoziationen, so Mary Beard, die von "flights of fancy" spricht. Für Beard handelte Harrison eher wie eine Kunsthistorikerin. Das von Mary Beard angeführte Beispiel ist die oben zitierte Passage über Atlantis (S. 106).

Diese Kritik mag allgemein gerechtfertigt sein oder auch nicht. Es stellt sich jedoch die Frage, ob das von Mary Beard angeführte Beispiel für ihre These geeignet ist. Die Ähnlichkeiten zwischen den minoischen / mykenischen Ritualen und Platons Stierritual in Atlantis sind auffällig und wurden von vielen Wissenschaftlern aus guten Gründen als auffällige Ähnlichkeiten wahrgenommen.

Vielleicht dachte Mary Beard, dass es besonders lächerlich wäre, ein Beispiel zum Thema Atlantis anzuführen, und dass es daher am besten geeignet wäre, um ihre Argumentation gegen die "Cambridge Ritualists" zu untermauern? Wenn dies Mary Beards Absicht war, und danach sieht es stark aus, dann wäre es ein weiteres Beispiel von vielen, dass die dogmatische Annahme, Atlantis sei eine Erfindung, zu falschen Schlussfolgerungen führt. Denn an der Vorstellung, Atlantis sei ein realer Ort, ist nichts lächerlich oder falsch. Und diese falschen Schlussfolgerungen greifen auf den gesamten Bereich der Altertumswissenschaften über und zerstören Schritt für Schritt die Qualität und Validität dieser Wissenschaft.

Was wir auch nicht vergessen sollten, ist, dass Mary Beard selbst eine oft sehr einseitige Sicht der Geschichte vertritt. Mary Beard macht keinen Hehl aus ihrer politischen Zugehörigkeit zur politischen Linken und nutzt ihren Einfluss als populäre Wissenschaftlerin meist dazu, die von ihr bevorzugten politischen Ansichten zu unterstützen. Es gibt nicht nur "Cambridge Ritualists", sondern sozusagen auch "Mary Beard Ritualists", und die Wahrheit liegt möglicherweise jenseits dieser Parteiungen.


Bibliographie

Harrison (1912): Jane Ellen Harrison, Themis – A Study of the Social Origins of Greek Religion, with an Excursus on the Ritual Forms Preserved in Greek Tragedy by Professor Gilbert Murray and a Chapter on the Origin of the Olympic Games by Mr F.M. Cornford, University Press Cambridge, Cambridge 1912.

Frost (1909): Anonym (K.T. Frost), The Lost Continent, in: The Times (London) 19. Februar 1909; S. 10.

Beard (2000): Mary Beard, The Invention of Jane Harrison, Harvard University Press Cambridge/Massachusetts and London 2000.



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