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Rezension zu: Solons Götter – Platons Theologie, von Beate Fränzle 2025.
Rezensiert von: Thorwald C. Franke 14. Januar 2026.

Bibliographische Angaben: Beate Fränzle, Solons Götter – Platons Theologie. Mit einem Anhang: Zur Rezeption der sogenannten Kataklysmen-Theorie (Aristoteles, Cuvier, Platon), Band 30 der Reihe: Flensburger Studien zu Literatur und Theologie, hrsgg. von Markus Pohlmeyer, Verlag IGEL Literatur & Wissenschaft, Hamburg 2025. 685 Seiten. EUR 49,-



Ein großartiges Werk zu Theologie und Auffassung von Geschichte hinter Solons und Platons Denken, mit höchst wertvollen Einsichten zu Platons Atlantis

Mit ihrem Werk "Solons Götter – Platons Theologie" hat Beate Fränzle ein unglaublich einsichtsvolles und umfangreiches Werk geschrieben, das auf viele Themen ausgreift und dem Leser tausend nützliche Anregungen verschafft.

Hauptthema Nr. 1: Solon und Platon

Zentrum und Ausgangspunkt der Überlegungen von Beate Fränzle ist das Verhältnis von Solon und Platon. Die aktuell vorherrschende, typisch kritische und doch nicht ausreichend kritische Meinung zu diesem Thema wird z.B. von Kathryn A. Morgan repräsentiert: Platon hätte sich sein Bild von Solon nach seinen Bedürfnissen zurechtkonstruiert. Der Solon, den wir bei Platon finden, ist also gar nicht der echte, historische Solon, sondern ein "platonisierter" Solon.

Beate Fränzle stellt diese These nun auf den Kopf: Platon musste Solon gar nicht nach seinen Bedürfnissen zurechtkonstruieren, sondern vielmehr ist Platon durch den historischen Solon in zahlreichen Punkten zu seiner Philosophie inspiriert worden. Der Solon, den wir bei Platon finden, ist also im Großen und Ganzen tatsächlich der echte, historische Solon. Nicht Solon ist also "platonisiert" worden, sondern umgekehrt: Platon ist "solonisiert" worden.

Dies ist auch für die Frage nach Atlantis von großer Bedeutung: Denn mit der Glaubwürdigkeit von Platons Darstellung des Solon steigt natürlich auch die Glaubwürdigkeit der Atlantisgeschichte, die von Solon aus Ägypten mit nach Athen gebracht worden sein soll.

Die These wird mit einer unglaublichen Fülle von Material und einer großen Liebe zum Detail untermauert. Dabei werden zahlreiche Korrespondenzen zwischen Solon und Platon aufgezeigt, teilweise bis in die Formulierung und die Wortwahl hinein. Fränzle belegt ihre Thesen auch mit vielen Verweisen auf die aktuelle Forschungsliteratur, die diese Themen häufig nur am Rande behandelt. Es ist sehr überzeugend.

Eine Übereinstimmung zwischen Solon und Platon wird u.a. bei diesen Themen gesehen:

Nebenthemen zu Solon und Platon

Am Rande dieses Hauptthemas berührt Beate Fränzle eine Fülle von Nebenthemen, die jedes für sich hochinteressant ist und dem Leser ganz neue Welten eröffnet.

Beate Fränzle arbeitet sehr intensiv mit den Forschungsergebnissen zur Ungeschriebenen Lehre Platons. Über den Erkenntniskategorien des Liniengleichnisses gibt es zwei Urprinzipien: Das Eine (hen) und die Unbegrenzte Zweiheit (ahoristos dyas). Daraus leitet sich alles andere ab (S. 376 ff.). Das Göttliche selbst erscheint in einer gestuften Hierarchie der Göttlichkeit, gemäß den Erkenntniskategorien des Liniengleichnisses. Je höher in der Hierarchie, desto abstrakter und unpersönlicher: Die höchste Idee des Guten ist laut Beate Fränzle unpersönlich (S. 262). Der Demiurg in Platons Timaios erschafft nicht nur die Zeit, sondern auch die traditionell bekannten Götter, so dass diese in die neue Vorstellung von Göttlichkeit eingebunden bleiben (S. 270).

Ein uraltes Thema ist die Frage, woher eigentlich die vielen Parallelen zwischen der jüdischen Überlieferung im Alten Testament und der griechischen Philosophie kommen (S. 61 ff.). Hierher gehört z.B. die Entwicklung des Monotheismus, eine Ethik der Gerechtigkeit, oder Regelungen zur Entschuldung. Diese Frage wurde erstmals von dem jüdischen Philosophen Philon von Alexandria (ca. 15 v.Chr. - 40 n.Chr.) aufgeworfen, der glaubte, die Griechen hätten ihre Weisheit bei den Juden "geklaut". Andere meinten, es sei genau umgekehrt: Die Juden hätten ihre Weisheit von den griechischen Philosophen "abgekupfert". Zwischen diesen beiden Extremen bewegte sich die Debatte immer wieder hin und her.

Beate Fränzle zäumt das Pferd von hinten auf, beginnend mit der These von der sogenannten Achsenzeit, die einst von dem französischen Orientalisten Abraham Hyacinthe Anquetil-Duperron (1731-1805) formuliert und später prominent von dem deutschen Philosophen Karl Jaspers (1883-1969) wieder aufgegriffen wurde (S. 61). Schließlich verweist sie auf das Reich der Assyrer, das zur Zeit Solons existierte: Dieses Reich hat beide zugleich beeinflusst, Griechen und Juden (S. 81 ff.). Die Parallelen gehen also auf eine gemeinsame Quelle zurück. Dabei ist es wichtig, die Reisetätigkeit und die interkulturellen Kontakte Solons als Fernhandelskaufmann aufzuzeigen und zu belegen, um diesen Einfluss plausibel zu machen (S. 86 f., 123). Letztlich habe Solon also eine orientalische politische Theologie in Athen eingeführt.

Eine weitere interessante Feststellung ist, dass Solon nicht irgendein vorsokratischer Philosoph war, sondern der älteste von allen vorsokratischen Philosophen (S. 62 ff., 121 ff.). Damit stand nicht die Naturphilosophie am Anfang der Vorsokratiker, wie man vielfach lesen kann, sondern die politische Philosophie. Und die politische Philosophie wäre kein Ausfluss der Naturphilosophie, sondern umgekehrt: Die Naturphilosophie ist ein Ausfluss der politischen Philosophie.

Es wird minutiös nachgezeichnet, wie sich die vorsokratischen Autoren auf die Position Solons hinbewegten. Das betrifft die Gutheit der Götter, den Monotheismus, die Rolle der Dichter, die Auffassung von Religion, die Organisation von Religion u.a. Von Empedokles wird Platon ebenfalls stark beeinflusst (S. 233-236, 265, 280): Bei Empedokles taucht erstmals das Wort "Vertrauen" bzw. "Glaube" (pistis) in Bezug auf die Götter auf, es wird wie bei Platon über Seelenwanderung nachgedacht, die Götter sind gut, aber nicht erkennbar, das Ziel der Ethik ist die Angleichung an die Götter.

Weitere Themen sind: Die Entwicklung der griechischen Literatur (S. 132 ff.), die griechischen Mysterien-Kulte (S. 103 ff.), die zur Zeit Solons unter orientalischem Einfluss entstanden und später kulturell im Christentum mündeten, die Rolle des Areopag in der Geschichte Athens als Wächter über die Gesetze, der von Solon reformiert wurde und später Platon inspirierte (S. 66, 147 ff.), die Frage der Theodizee und der ausgleichenden Gerechtigkeit in der Welt (S. 159, 225), das Verhältnis von Tugend und Reichtum (S. 182 ff.), die Inseln der Glückseligen (S. 224 f.), u.v.a.m.

Hauptthema Nr. 2: Platon und die Geschichte

Wenn es um Atlantis geht, zeichnet die aktuelle Wissenschaft gerne ein betont jämmerliches Bild: Platon wäre doch "nur" ein Philosoph gewesen, dem es angeblich in gar keiner Weise um die geschichtliche Wahrheit gegangen wäre. Platon war nach dieser Meinung praktisch ein lügender Dichter, der sich die Vergangenheit so erfindet, wie es ihm passt, um irgendwelche allegorischen Aussagen zu machen. – Doch Beate Fränzle zeichnet hier ein ganz anderes Bild: Bei Beate Fränzle ist Platon sogar der "Wegbereiter der Geschichtswissenschaft" (S. 370, 394). Richtig gelesen: Nicht Herodot oder Thukydides, sondern Platon wird bei Beate Fränzle zum Höhepunkt des Umgangs mit Geschichte im klassischen Griechenland erklärt.

Und Beate Fränzle kann sich dabei auf eine lange Reihe prominenter Wissenschaftler stützen, die an diesem anderen, besseren Bild von Platons Verhältnis zur Geschichte mitgestrickt haben, darunter die folgenden Namen: Thomas Alexander Szlezák, dem sich die Autorin besonders nahe fühlt, Konrad Gaiser, Jens Halfwassen, Michael Erler, Hans Joachim Krämer, Willem Jacob Verdenius, Glenn R. Morrow, Markus Enders, Francisco L. Lisi, Hellmut Flashar, Dietmar Hübner, Hans-Joachim Gehrke. Teilweise stand Beate Fränzle mit diesen Wissenschaftlern in persönlicher Korrespondenz und traf sich mit ihnen auf wissenschaftlichen Veranstaltungen.

Ausgehend von den beiden Urprinzipien von Platons Ungeschriebener Lehre, dem Einen (hen) und der unbegrenzten Zweiheit (ahoristos dyas), entwickelte Platon als erster ein theoretisch begründetes Modell der Geschichte (S. 376, 380). Beate Fränzle vermutet, dass die volle Geschichtstheorie nur in der ungeschriebenen Lehre zu finden war (S. 412), weshalb sich in den überlieferten Dialogen nur Spuren und Bruchstücke davon finden lassen, vor allem in den sogenannten Platonischen Mythen, aber auch in den Werken späterer Platonisten. Deshalb wird z.B. das Werk des Origenes ausführlich untersucht (S. 418-435).

Platon ist bei Beate Fränzle natürlich kein lügender Dichter, sondern ein Philosoph, der – gerade weil er Philosoph ist – an der historischen Wahrheit ein Interesse hat (S. 369). Auch das bekannte Urteil von Glenn R. Morrow, dass Platon "loyal to history" war, wird zitiert (S. 400). Ausführlich wird untersucht, wie Platon die Werke von Herodot (S. 401 f.) und Thukydides (S. 402 ff.) rezipiert hat und von Ägypten fasziniert war (S. 546-559).

Platons Modell der Geschichte

Platons Modell der Geschichte lässt sich erkennen, wenn man die sogenannten Platonischen Mythen nicht als erfundene Kunstmythen oder bloße Märchen zur Erzielung eines allegorischen Effektes abtut, sondern begreift, dass Platon das, was er dort sagt, durchaus ernst meint – auch wenn das in modernen Augen manchmal etwas seltsam erscheinen mag.

Platons Geschichtsmodell besteht im Kern aus einem mehrfach ineinander geschachtelten zyklischen Katastrophismus (S. 366 ff., 380 ff.):

Der Vergleich von Mikrokosmos und Makrokosmos, der Menschenseele mit dem Kosmos, aber auch mit dem Staatswesen, spielt eine große Rolle (S. 376, 385). Auf allen drei Ebenen – Mensch, Staat, Kosmos – finden sich die drei Elemente der Menschenseele wieder. Eine zentrale Rolle in Platons Geschichtsmodell spielt die sogenannten "Hochzeitszahl": Diese mathematisch errechnete Zahl spiegelt das richtige Verhältnis der verschiedenen Zyklen zueinander wieder, auf das ein Staatsmann achten sollte, der seinen Staat gut durch die Geschichte führen will. Der Untersuchung der Hochzeitszahl wird ein eigenes, langes Kapitel in diesem Buch gewidmet (S. 393, 478-573). Darin geht es u.a. um verschiedene Kalenderperioden wie die Oktaeteris, die Meton-Periode oder die Philolaos-Periode, um die Perioden des Mechanismus von Antikythera oder den athenischen Hochzeitsmonat, und nicht zuletzt um sehr viel Mathematik und Kombinatorik.

Beate Fränzle hat richtig erkannt, dass Platon glaubte, selbst am Ende einer 3000-Jahr-Periode zu leben (S. 374, 391, 388 f.): Die Kultur ist hoch entwickelt, die Menschen beginnen Geschichtsforschung zu betreiben (S. 371) und immer mehr zu verstehen, bis schließlich der platonische Idealstaat als Höhepunkt und Endpunkt der Entwicklung entstehen wird (S. 384, 462).

Im Anhang des Buches finden sich grafische Darstellungen des platonischen Modells von Geschichte, die sowohl die einzelnen Zyklen in ihrem Verlauf, als auch das Ineinandergreifen der verschiedenen Zyklen auf den verschiedenen Ebenen aufzeigen.

Zur Veranschaulichung des Gemeinten fügt der Autor dieser Rezension eine Grafik ein, die er selbst zu diesem Thema erstellt hat. Man beachte: Die Interpretation von Thorwald C. Franke ist nicht völlig identisch mit der von Beate Fränzle.

Nebenthemen zu Platons Geschichtsmodell

In einem Exkurs wird die in der Forschung vieldiskutierte Frage behandelt, ob Platon selbst daran glaubte, dass sein Idealstaat realisierbar sei (S. 441-447). Die Frage wird grundsätzlich bejaht, allerdings im Sinne einer Annäherung an den Idealstaat. Diese Annäherung ist schwierig, aber möglich.

Auch die Frage, warum am Ende auch der Idealstaat entartet und untergeht, wird beantwortet (S. 489): Einmal, weil auch die Philosophenkönige keine Götter sind, sondern irrende Menschen, die an die körperliche Fehlbarkeit dieser Welt gebunden sind. Zum anderen, weil die zyklischen Katastrophen irgendwann den Untergang bringen.

Ebenso wird die Frage behandelt, ob Platon einen grundsätzlichen Gewaltverzicht vertrat, oder nicht (S. 446-456). Beate Fränzle ist der Auffassung, dass Platon das nicht tat. In diesem Punkt hatte Beate Fränzle übrigens einen Dissens mit Thomas Alexander Szlezák (S. 238 Fußnote 587).

Die antike Rezeptionsgeschichte von Platons Geschichtsmodell wird in groben Zügen nachgezeichnet (S. 345-440). Dabei scheint es, dass vor allem das Werk des Polybios, der vor allem den Kreislauf der Verfassungen beschrieb, einen großen Einfluss entwickelt hat, der bis in die Verfassung der USA reicht (S. 438).

Ein langes Kapitel im Anhang widmet sich der Rezeption von Platons Geschichtsmodell bei Georges Cuvier (1769-1832), dem Begründer der Paläontologie und Vertreter einer Katastrophen-Theorie (S. 574-630). Ebenfalls im Anhang findet sich ein Artikel der Autorin über den antiken Astronomen Aristarch (S. 657-670).

Thema Atlantis: Weckung hoher Erwartungen an reales Atlantis

Eng verwoben mit den beiden Hauptthemen dieses Buches ist natürlich das Thema Atlantis, denn Solon soll die Atlantisgeschichte aus Ägypten nach Athen gebracht haben, und die Atlantisgeschichte ist selbst ein Zeugnis von Platons zyklischem Katastrophismus. Die Art und Weise, wie Beate Fränzle sich dem Thema Atlantis in zahlreichen Teilfragen mehr und mehr annähert, weckt hohe Erwartungen: Denn immer – so scheint es – geht es darum, dass Platon das, was er sagte auch meinte, dass es also um reale Historie ging.

Solon ist nicht nur philosophisch der große Inspirator von Platon, sondern wird auch als ein Dichter im Sinne Platons vorgestellt: Denn Solon dichtete wahr und wandte sich entschieden gegen das Erfinden von Dichtungen (S. 291). Auch wird die Aussage in Platons Atlantisgeschichte, dass Solon sowohl Homer als auch Hesiod übertroffen hätte, wenn er seine Atlantis-Dichtung vollendet hätte, völlig ernst genommen (S. 296). Solon hätte sich also wirklich auch der literarischen Form des Epos bedient, meint Beate Fränzle, sofern Platon hier Glauben zu schenken ist (S. 195). Die wichtigste Rolle, die Solon in Platons Werk spielt, ist die Rolle des Gewährsmannes für die Atlantisgeschichte (S. 338, 346 ff.).

Anders als die Atlantisskeptiker schließt Beate Fränzle aus der (angeblich) mündlichen Überlieferung der Atlantisgeschichte nicht, dass diese deshalb unzuverlässig sei, im Gegenteil: Die Zuverlässigkeit der Überlieferung wird betont (S. 348). Auch hat Beate Fränzle richtig beobachtet, dass die Wahrheit der Atlantisgeschichte nicht pompös behauptet wird, wie viele Atlantisskeptiker meinen, sondern eher beiläufig erwähnt wird (S. 349). Die Teilnehmer des Dialoges werden auch nicht als Idioten gezeichnet, wie manche Atlantisskeptiker das vor allem mit Kritias tun, um die von ihm dargelegte Atlantisgeschichte unglaubwürdig zu machen, sondern es wird – mit Szlezák – an der Meinung festgehalten, dass alle Dialogteilnehmer der Atlantisdialoge ernstzunehmende Philosophen sind (S. 349). Es wird auch nicht über einen bewussten Abbruch des Dialoges Kritias spekuliert, weil ja bereits alles gesagt sei, sondern es wird davon ausgegangen, dass es einen Plan gab, den Kritias zu vollenden und auch den Dialog Hermokrates noch zu schreiben (S. 349).

Dass Platon ernsthaft an Historie interessiert war, wurde oben schon deutlich. Aber Beate Fränzle untermauert dies auch mit den Aussagen Platons über die Bodenerosion in Attika seit den Zeiten Ur-Athens, die ein integraler Bestandteil der Atlantisgeschichte sind (S. 353 f.). Beate Fränzle betont: "Für Platon steht die Wahrheit (alätheia) im Zentrum, wenn er die Vorgeschichte Attikas ... zu rekonstruieren versucht." (S. 395) "Um die Authentizität seiner Atlantis-Erzählung zu sichern", hätte Platon auch den Überlieferungsweg genau nachgezeichnet (S. 395 f.).

Schließlich hat Beate Fränzle erkannt, dass Ägypten in Platons Geschichtsmodell von den lokalen Katastrophen verschont bleibt, weshalb sich dort die Erinnerung an die Zeit vor der Katastrophe erhält (S. 367). Es wird auch untermauert, dass es völlig plausibel ist, dass Solon tatsächlich in Ägypten war (S. 338 f.).

Der bekannte Schlüsselsatz in Timaios 26e wird von Beate Fränzle wie folgt übersetzt: Es ist "außerordentlich wichtig, dass es sich nicht um eine erdichtete Sage, sondern um eine wahre Geschichte handelt." (S. 349) Sie kommentiert: "Diese pointierte Formulierung des Sokrates scheint mir genauso ernst zu nehmen zu sein wie seine Charakterisierung des Timaios als Präfiguration des Philosophen-Herrschers im Idealstaat." (S. 349) Beate Fränzle sieht hier also keine Ironie, die die Bedeutung des Satzes in sein Gegenteil verkehren würde.

Schließlich verweist Beate Fränzle mit Tanja Ruben auf die Intertextualität von Politeia und Timaios-Kritias (S. 295): Was Platon in der Politeia völlig ernst meint, auch dass es den Idealstaat in der Vergangenheit angeblich schon gegeben habe, hat eine Korrespondenz in der Atlantisgeschichte.

Kurz: Solon und Platon sind wahrhaftige Philosophen und wahrhaftige Dichter, die alles ernst, wahr und real meinen, und alles ist auch ernst, wahr und real gemeint, wie Beate Fränzle – so scheint es – immer wieder und wieder sagt und zeigt. Wir erinnern hier auch an ihren Artikel "Solon bei Platon" von 2023, der genau das ohne irgendeine erkennbare Einschränkung sagte.

Thema Atlantis: Überraschender Schwenk gegen die Realität

Doch leider vollzieht Beate Fränzle auf S. 352 einen sehr überraschenden Schwenk gegen die Realität von Atlantis: "Der von mir postulierte Wahrheitsgehalt des lógos ap' Aigýptou bezieht sich also zum einen nur auf Urathen, nicht auf das sagenhafte Atlantis, und zum anderen nur auf die 'Gesetze' (...) der Urathener, nicht auf deren érgoon kálliston (...), das heißt deren Sieg über die Atlanter." Mit Szlezák wirft sie Atlantisbefürwortern "literarische Ahnungslosigkeit" und "Naivität" vor. Atlantis sei nur in einem "geschichtsphilosophisch-modellhaften" Sinne wahr (S. 354).

Aber auch der Wahrheitsgehalt von Ur-Athen wird weiter eingeschränkt: Allenfalls die Staatsordnung von Ur-Athen sei Historizität zuzubilligen, aber auch nur im Sinne und im Rahmen von Platons Geschichtsmodell, "das in eine weit entfernte Vergangenheit hinein extrapoliert" (S. 354). Mit anderen Worten: Ein reales Ur-Athen wird von Platon zwar historisch angenommen, aber diese Information entstammt keiner Überlieferung, sondern ist eine Schlussfolgerung von Platon aus seinem historischen Modell. Konsequent sagt Beate Fränzle denn auch, dass die ganze Überlieferung aus Ägypten lediglich eine "Ortssymbolik" sei, die von Platon bewusst evoziert wurde (S. 354). Also keine Überlieferung aus Ägypten, nur Platons Schlussfolgerungen.

Die Hinweise auf die Realität von Atlantis sind damit nur literarische "Realitätseffekte" im Sinne von Roland Barthes. So jedenfalls meint es die von Beate Fränzle zitierte Tanja Ruben, die in der Tradition der französischen Atlantisskepsis steht. – Und dann führt Beate Fränzle noch die Meinung von Ernst A. Schmidt an, demzufolge die Wahrheit der Geschichte aus literarischen Gründen hätte behauptet werden müssen, aber natürlich sei die Geschichte nicht wirklich wahr, und das Publikum hätte das auch gewusst (S. 350); das ist dieselbe Meinung, die auch schon Hans Herter vertreten hatte (Herter (1928) S. 44 f.). Die Atlantisgeschichte also als eine Art Roman, der als eingeführte und bekannte literarische Form vom Publikum ohne jedes Zutun als Roman verstanden wird.

Michael Erler wird zitiert: "Platon ist Historiker, was die Methode angeht, bleibt aber hinsichtlich des Inhalts Philosoph." (S. 396) Damit ist man wieder bei der kruden These angelangt, dass ein Philosoph es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt. Tatsächlich werden auch sogleich einige Beispiele gebracht, wo Platon ein wenig von der bekannten Historie abweicht, etwa bei der Darstellung der Geschehnisse rund um die Schlacht von Marathon (S. 398-400). Platon fälsche sich also die Geschichte so, wie es ihm passt, ist die Botschaft.

Thema Atlantis: Der Wahnsinn der Erfindungsthese

Selten hat man den Wahnsinn der Erfindungsthese so anschaulich vor Augen geführt bekommen wie hier. Da wird also zuerst eine Menge davon gesprochen, dass Platon ein Wahrheitsethos hatte und die Dichter wahre Dichtungen dichten sollen, und dass Solon und Platon alles ernst, wahr und real meinen – immer wieder und wieder: ernst, wahr und real – aber wenn es um Atlantis geht – ja dann! Dann vollzieht man plötzlich eine Wendung um 180 Grad und alles muss wieder Erfindung sein.

Es fällt schwer, keine Satire daraus zu machen:

Da beides hier so dicht beieinander steht, fällt der Widerspruch besonders auf: Was muss Platon nicht für ein elender Lügenbold gewesen sein, dass er so ein großes Getue um die Wahrheit machte, und dass Dichter wahr dichten müssen, selbst aber log er, dass die Schwarte kracht? Und auch dieser Solon, der hier als das große Alter Ego von Platon vorgestellt wird, der alle Kriterien erfüllte, um als Dichter in Platons Idealstaat gelten zu können, weil er nämlich wahr dichtete: Er wird von Platon – diesem Lump! – einfach schmählich dazu missbraucht, um eine jämmerliche Lügengeschichte täuschend zu beglaubigen, mit der Platon seine philosophischen Ansichten "belegen" wollte. Aber der "Beleg" ist aus der Luft gegriffen und Lüge und Fälschung.

Damit würde Platon nicht nur seine persönliche Glaubwürdigkeit zerstören – wenn es nur das wäre – sondern insbesondere natürlich auch die Sinnhaftigkeit seines gesamten Lebenswerkes. Man stelle sich vor: Da behauptet jemand, es ginge ihm um Wahrheit, und stellt ein großartiges Modell der Geschichte vor, in dem Ägypten von lokalen Katastrophen verschont wurde, weshalb man von dort Informationen über die Zeit vor der letzten Katastrophe bekommen könnte – und dann fälscht (!) derjenige einfach diese Information statt sie aus Ägypten zu holen! Er saugt sie sich aus den Fingern! Ur-Athen soll also eine reine Schlussfolgerung ohne jede Überlieferung sein. Und Atlantis gar eine völlig Erfindung aus der blauen Luft!

Da muss doch jeder halbwegs vernünftige Mensch sagen: Ei der Daus: Diesen "Philosophen" wollen wir nicht mehr hören! Der kann uns viel erzählen. Den jagen wir vom Hofe! Der soll uns nicht nochmal mit etwas kommen.

Wenn wir wieder im Ernst sprechen wollen:

Ist es nicht mit Händen zu greifen, dass ein Platon, der tatsächlich daran glaubte, dass man in Ägypten Informationen über die Zeit vor der letzten Katastrophe finden kann, dann auch tatsächlich nach solchen Informationen geforscht hat? Einige solche Informationen, die nach Platons Meinung in diese Zeit fallen, finden sich bereits bei Herodot. Wozu also eine Geschichte erfinden, wenn es doch gemäß der von Platon tatsächlich für wahr gehaltenen Theorie echte (!) solche Geschichten geben muss?

Und was nützt es einem Menschen, der sich auf Wahrhaftigkeit eingeschworen hat, eine Geschichte täuschend zu erfinden, statt die Qualität der Geschichte kenntlich zu machen, wie er es sonst immer tut? Platon müsste schon einen schweren Bruch in seiner Biographie haben, der ihn von seinem Idealismus abbrachte und sehr zynisch werden ließ, um so etwas zu tun. Doch von einem solchen Bruch ist nichts bekannt und nichts zu spüren. Platon blieb sich und seinen Grundsätzen bis zuletzt treu.

Und dann das ewig falsche Argument von der literarischen Form, die es erzwinge, von Wahrheit zu sprechen, obwohl angeblich alle wissen, dass es nicht wahr ist, dass die Atlantisgeschichte also eine Art Roman sei: Doch die literarische Form des griechischen Romans mit ihren typischen Eigenschaften, die manche in der Atlantisgeschichte sehen wollen, ist erst mehrere Jahrhunderte nach Platon entwickelt worden. Es ist schlicht falsch, dass es sich bei der Atlantisgeschichte um eine eingeführte und dem Publikum wohlbekannte literarische Form gehandelt hätte, die das Publikum als nicht wahr erkannt hätte, obwohl sie als (annähernd) wahr dargestellt wird und in den Augen der damaligen Menschen auch völlig realistisch ist.

Die "literarische Ahnungslosigkeit", von der Szlezák sprach, liegt vielmehr – so leid es uns tut – bei ihm selbst! Thomas Alexander Szlezák war ein großartiger Wissenschaftler, ohne jeden Zweifel, aber hier war er, zusammen mit vielen Kollegen, auf einem dramatischen Holzweg. Die literarische und philosophische Deutung der sogenannten Platonischen Mythen ist in der Wissenschaft überraschend schwach entwickelt, das ist der Kern des Problems.

Und Platons Verfälschung der historischen Begebenheiten rund um Marathon? Es handelt sich um relative kleine Abweichungen von einem ansonsten realen Sachverhalt. Der Sachverhalt ist also in jedem Fall historisch. Vor allem aber ist es nicht wirklich möglich, aus heutiger Sicht nachzuvollziehen und zu entscheiden, ob Platon hier wirklich "gemogelt" hat, oder ob er schlicht glaubte, was er schrieb? Teilweise besteht die Mogelei aus Auslassungen. Eine Auslassung ist aber streng genommen keine Verfälschung. Für eine Auslassung kann es viele Gründe geben. Es ist auch fraglich, ob die Überlieferung durch Herodot, von der Platon abweicht, wirklich korrekt ist. Wir wissen es schlicht nicht. Eines wissen wir aber genau: Wenn die "Mogeleien" in der Atlantisgeschichte von dem geringen Ausmaß wären, wie sie angeblich in Platons Darstellung der Schlacht von Marathon vorliegen, dann wäre Atlantis ein höchst realer Ort!

Schließlich müssen wir noch die Torheit anprangern, einen scharfen Schnitt zwischen Ur-Athen und Atlantis machen zu wollen. Das geht natürlich nicht. Beide Städte sind integraler Bestandteil derselben Geschichte. Die Information über beide Städte soll aus Ägypten kommen. Wenn die Information aber statt dessen nur auf Schlussfolgerungen Platons beruht, warum soll das nicht auch für Atlantis gelten?! So wie es Athen zu Platons Zeit gab, so gab es auch Persien und Karthago zu Platons Zeit. Wenn Platon auf eine Vorzeit von Athen schlussfolgert, warum dann nicht auf eine Vorzeit von Persien und Karthago? Immerhin gibt es mit dem angeblichen Schlamm vor Gibraltar auch einen Anknüpfungspunkt für eine solche Schlussfolgerung. Dieser harte Schnitt zwischen Ur-Athen und Atlantis ist völlig irre, und er entlarvt die wahre Motivation, warum Atlantis zur Erfindung erklärt wurde.

Thema Atlantis: Was ist hier passiert?

Es ist sonnenklar und liegt auf der flachen Hand, was hier geschehen ist: Beate Fränzle hat sehr geradlinig und sehr konsequent eine Theorie über Platons Geschichtsverständnis entwickelt, die konsequent zu Ende gedacht unweigerlich bei dem Ergebnis enden muss, dass natürlich auch die Atlantisgeschichte durchweg ernst, wahr und historisch gemeint ist, nicht nur in Schlussfolgerungen, sondern mit einer realen Überlieferung aus Ägypten. Unabhängig von der Frage, welchen Wahrheitsgehalt die Geschichte aus moderner Sicht wirklich hat. So hat Beate Fränzle es 2023 in ihrem Artikel "Solon bei Platon" dargelegt.

Aber dann muss Beate Fränzle aus irgendwelchen Gründen vor der eigenen Courage zurückgeschreckt sein. Vielleicht hat sie ganz von selbst Angst bekommen, dass ihr Lebenswerk nicht günstig rezipiert, sondern der Lächerlichkeit preisgegeben wird, wenn sie diese Schlussfolgerung zieht? Deshalb hat sie nachträglich diesen Schnitt zwischen Ur-Athen und Atlantis eingefügt, der erstens in sich seltsam ist, zweitens aber auch nicht mit dem zusammenpasst, was sie sonst schreibt.

Vielleicht wurde Beate Fränzle aber auch von Kollegen kontaktiert, die ihren Artikel von 2023 mit Schrecken lasen, und darauf drangen, die Atlantisgeschichte nicht als reale historische Überlieferung darzustellen? Das ist natürlich pure Spekulation. Aber es ist schon seltsam, dass der Artikel von 2023 keinerlei Zurückhaltung bei der Wahrheitsfrage formuliert, das Buch von 2025 aber eine sehr deutliche Einschränkung formuliert.

Es erinnert an den Schwenk von Gunnar Rudberg, der es in seiner ursprünglichen Abhandlung zu Atlantis von 1917 für "quite uncertain" hielt, dass die Erfindungsaussage in Strabon II 102 auf Aristoteles zurückgeht, dann aber in der Zusammenfassung in seinem Spätwerk von 1956 ohne Begründung zu der Meinung zurückkehrte, dass Aristoteles Atlantis für eine Erfindung hielt: Vielleicht, um eine günstige Rezeption seines Werkes zu sichern?

Thema Atlantis: Rückschwenk zur Realität!

Es kommt sogar noch verrückter. Denn nachdem ausgesprochen wurde, dass Atlantis als Erfindung zu verstehen sei (S. 352), gibt es zahlreiche Aussagen in diesem Buch, die wieder auf eine Realität von Atlantis hindeuten. Der Leser kann sich nur wundern.

Es wird z.B. diskutiert, dass es zwischen Ägyptern und Griechen keine Sprachbarriere gab, da wir von Dolmetschern wissen (S. 355 f.). Außerdem wird die Verzerrung der Überlieferung auf dem Überlieferungsweg thematisiert (S. 355). Aber wozu das alles, wenn es doch eine Erfindung sein soll, die auf Schlussfolgerungen Platons beruht, und nicht auf einer Überlieferung aus Ägypten?

Es wird auch gesagt, dass die Sozialordnung von Ur-Athen korrekt aus Ägypten überliefert wurde (S. 355). Und dass Platon mit seinen 9000 Jahren gar nicht so falsch lag, denn angeblich hätte es in Athen eine Siedlungsgeschichte gegeben, die bis ins siebte Jahrtausend v.Chr. zurückreicht (S. 353). Wir erinnern uns auch, dass Beate Fränzle betont, dass es völlig plausibel ist, dass Solon tatsächlich in Ägypten war (S. 338 f.). Was sollen diese Aussagen, wenn es doch alles nur Schlussfolgerungen Platons sein sollen und keine Überlieferung aus Ägypten?

Und wie immer kommt es schlimmer: In einer Fußnote (!) referiert Beate Fränzle eine hammerharte Existenztheorie von Atlantis und macht sich diese halb zu eigen: Gegen die Erfindungsthese von Szlezák schreibt Beate Fränzle zunächst: "Dem muss freilich entgegengehalten werden, dass sich in Platons Atlantis-Bericht doch die Erinnerung an eine historische Natur-Katastrophe erhalten haben könnte". Dann führt sie u.a. die These von Glenn R. Morrow an, dass Platons Schilderung von Atlantis sehr wohl auf eine ägyptische Überlieferung zurückgehen kann, nämlich auf eine Überlieferung zur minoischen Kultur und deren Untergang! (Fußnote 923 auf S. 352 f.) Beate Fränzle macht sich diese These nicht völlig zu eigen, ihr geht es nur um die Katastrophe, aber insofern die Nachricht dieser Katastrophe über Ägypten überliefert wurde, macht sie sich diese These doch irgendwie halb zu eigen – denn man kann die Überlieferung von der Katastrophe nun einmal nicht von der Überlieferung der Kultur, die von dieser Katastrophe betroffen war, abtrennen.

Thema Atlantis: Fazit

Zu Atlantis steht Beate Fränzle auf Messers Schneide: Einerseits hat sie eine Theorie zu Platons Geschichtsverständnis entwickelt, das konsequent zu Ende gedacht unweigerlich bei dem Ergebnis enden muss, dass natürlich auch die Atlantisgeschichte ernst, wahr und historisch gemeint ist, mitsamt der Überlieferung aus Ägypten. Unabhängig von der Frage, welchen Wahrheitsgehalt die Geschichte aus moderner Sicht wirklich hat.

Dann hat Beate Fränzle einen unlogischen und seltsamen Schnitt zwischen Ur-Athen und Atlantis gelegt, mit dem sie Atlantis zur bloßen Erfindung erklären will.

Doch immer noch finden sich zahlreiche Aussagen in diesem Buch, die eindeutig in Richtung Realität weisen.

Der unbefangene Leser kann nur zu dem Schluss kommen, dass die Annahme der Realität von Atlantis dem Gesamtwerk von Beate Fränzle am besten entspricht und die entstandenen Widersprüche und Seltsamkeiten am einfachsten und klarsten auflösen würde (Occams Rasiermesser). So war es – unsere Vermutung! – ursprünglich wohl auch gedacht. Aber aus irgendeinem Grund ist Beate Fränzle davor zurückgeschreckt, was zur jetzigen Situation geführt hat.

Der kritische Leser weiß das zu deuten und wird sich durch die nur schlecht motivierte Erfindungsaussage nicht davon abhalten lassen, Wert und Aussage dieses großartigen Buches richtig einzuordnen.

Thema Atlantis: Detail-Kritik

Zum Abschluss des Themas Atlantis müssen wir noch einige Irrtümer im Detail aufklären, denen Beate Fränzle unterlegen ist, denn wir wollen nicht, dass diese Irrtümer sich verbreiten. Also müssen sie aufgeklärt werden.

Der größte Irrtum ist sicher die falsche Deutung der 9000 Jahre von Atlantis. Diese sind von Platon wörtlich gemeint und werden von Beate Fränzle auch ausschließlich wörtlich verstanden und gedeutet. Deshalb ihre Spekulation, dass Platon doch gar nicht so falsch lag, wenn man die Siedlungsgeschichte Athens nach Welwei verfolgt (S. 353). Hier irrt Beate Fränzle jedoch. Denn Welwei kann in der fernen Vorgeschichte Athens natürlich keine Hochkultur im Sinne eines Ur-Athen vorfinden. Vor allem aber hat Beate Fränzle den historischen Kontext übersehen!

Denn die Griechen dachten damals generell, dass Ägypten 11.000 Jahre alt ist, und älter. Deshalb ist es völlig zwingend, die 9000 Jahre von Atlantis vor dem Hintergrund dieses historischen Kontextes zu deuten. Wenn also der legendäre Pharao Menes angeblich 11.000+ vor Solon und Platon lebte, in Wahrheit aber um 3000 v.Chr. lebte, dann folgt daraus zwingend, dass die 9000 Jahre von Atlantis auf ein Datum im Rahmen der bekannten Geschichte Ägyptens, nach Menes, hindeuten. Und das gilt sogar dann noch, wenn Platon alles nur erfunden haben sollte.

Beate Fränzle glaubt relativ kurz angebunden, dass es sich bei dem Dialogteilnehmer Kritias um den Tyrannen Kritias handelt (S. 297-299). Deshalb gäbe es chronologische Schwierigkeiten. Diese wischt sie aber aufgrund eines weiteren Irrtums leichthin vom Tisch: Angeblich hätte Platon seine Dialog-Situationen sehr frei und ahistorisch erfunden. Das ist natürlich nicht so. Zwar wird die Möglichkeit eines älteren Kritias diskutiert, aber kurzerhand verworfen. Auch die Rezeption der Literatur in diesem Punkt ist schwach. Wir halten fest, dass es sich bei dem Dialogteilnehmer Kritias natürlich nicht um den Tyrannen handelt, sondern um einen älteren Kritias. So, wie der junge Dialogteilnehmer Aristoteles im Dialog Parmenides auch nicht "der" Aristoteles ist, sondern ein anderer Aristoteles.

Schließlich folgert Beate Fränzle aus dem Wort akoe wiederholt, dass es sich bei der Überlieferung aus Ägypten um eine rein mündliche Überlieferung handele (S. 295, 347 f., 355, 396). Dass es sich aber vor allem um eine schriftliche Überlieferung handelt, wird übersehen, kleingeredet oder beiseite geschoben (S. 348, 396). Zudem deutet das Wort akoe allein noch nicht auf eine mündliche Überlieferung hin. Es darf nicht einfach mit "Hörensagen" übersetzt werden, auch wenn das der wörtlichen Bedeutung nahe kommt. Das Wort akoe wurde zu Platons Zeit eher allgemein im Sinne von "Kunde" verwendet, die auch schriftlich sein kann. Das Wort akoe deutet also nicht zwingend auf eine mündliche Überlieferung hin. Immerhin hat Beate Fränzle daraus keine falschen Folgeschlüsse gezogen: Obwohl sie nur die mündliche Überlieferung sieht, hat sie doch erkannt, dass die Überlieferung als zuverlässig dargestellt wird (S. 348).

Sammelkapitel: Inhaltliche Kritik

Hier wollen wir alle möglichen Kritikpunkte sammeln, die sich auf inhaltliche Aspekte beziehen. Doch zuvor ein großes Lob: Beate Fränzle hat in diesem Werk eine große Fülle von Material und Hinweisen versammelt. Selbst dort, wo man anderer Meinung ist, findet man viel Material für diese andere Meinung. Beate Fränzle führt ihre Thesen meist nicht eng, sondern offen für andere Sichtweisen.

Für Platons Theologie sieht die Autorin zwei Wege: Einmal den Weg einer wissenschaftlichen Theologie, und einmal den Weg eines persönlichen Zugangs zu Religion und Gott (S. 258). Dem ist zu widersprechen. Es gibt diese Unterscheidung bei Platon nicht. Platon möchte den wissenschaftlichen Weg zu seinem persönlichen Weg machen, könnte man sagen. Das schließt eine vernünftige Subjektivität und das Abwägen von unsicherem Wissen keineswegs aus, im Gegenteil. Aber reine, subjektive Willkür ist ausgeschlossen. Es gibt bei Platon also nur einen Weg.

Zur Frage der Beeinflussung sowohl der Juden als auch der Griechen durch die Assyrer hätte man gerne mehr gelesen und auch mehr Systematik zu sehen bekommen. Um welche Punkte und Zitate geht es genau bei der Übereinstimmung von jüdischen und griechischen Lehren? Und welche assyrischen Quellen passen dazu im Einzelnen? Außerdem hätte man gerne etwas dazu gelesen, dass manche Übereinstimmung nur eine Übereinstimmung in späterer Wahrnehmung und Rezeption ist. Oder dass die Griechen durch ihre Tendenz zur Abstraktion aus derselben Inspiration etwas anderes machten. Das alles ist zu wenig diskutiert. Es ist aber letztlich ein Thema für ein anderes Buch.

Teilweise sind die Ausführungen dieses Buches zu weit ausgreifend. Der Bogen, der gespannt wird, ist zu groß, und es werden Themen verarbeitet, die nicht zum Aussagekern des Buches passen. So z.B. eine Aussage von Eric Voegelin zum Nationalsozialismus (Fußnote 5 auf S. 35), die etwas unmotiviert erscheint. Ebenso eine Erklärung, was Paulus mit seinen Aussagen über Frauen wohl gemeint haben könnte (S. 112 f.). Auch eine Aussage Goethes beim Thema Stufung des Göttlichen erscheint – zumindest an dieser Stelle – unpassend (S. 264).

Es ist richtig, dass die Gründerväter der USA sich auf Polybios bezogen, der wiederum von Platon inspiriert war (S. 438). Es ist aber unzutreffend, dass die angegebene Quelle auch besagen würde, dass die Gründerväter der USA direkt von Platons Nomoi beeinflusst wurden; vielmehr sagt die Quelle, dass Polybios von dort beeinflusst wurde.

Es ist richtig, dass der Gegensatz von Trinitätslehre des Christentums versus der strengen Eingottlehre des Islam auf Platon bzw. den Platonismus zurückgeht (S. 99). Wirklich gut erklärt wird das aber nicht. – Richtig ist auch, dass Solon in Athen als Vermittler widerstreitender Interessen auftrat und deshalb seine Reformen durchsetzen konnte, ganz wie später Mohammed in Medina (S. 145). – Die These, dass die Eroberung Ägyptens durch die Araber dazu geführt hätte, dass viele griechische Texte erhalten geblieben sind, ist irreführend (S. 91). Zunächst wurde die Texte zerstört; das Sammeln der Texte begann später in der Zeit der Abbasiden.

Die Autorin meint wiederholt, es sei Stand der Forschung, dass Platon seine Dialog-Situationen sehr frei und ahistorisch erfunden hätte (S. 299, 365). Das ist natürlich nicht der Fall.

Ein großes Problem ist, dass die Autorin kein tieferes Verständnis der sogenannten Platonischen Mythen entwickelt hat (z.B. S. 88, 224, 271 f., 275) und manche schiefe Aussage dazu macht. So nennt sie z.B. das Sonnengleichnis nicht nur ein "analogon", was richtig ist, sondern auch einen "bildlichen Mythos" ("eikos mythos"), was völlig falsch ist (S. 275). Dennoch hat die Autorin die Platonischen Mythen intuitiv meist richtig interpretiert, indem sie erkannt hat, dass Platon vieles davon eben doch ernst meinte.

Die Stelle Gorgias 523a, die die meisten Interpreten als "Vermischung" von mythos und logos deuten, deutet Beate Fränzle als "wahre Erzählung". Das ist wesentlich richtiger als eine "Vermischung" sehen zu wollen, denn die Geschichte ist hier je nach Perspektive das eine oder das andere, aber keine Vermischung davon. (Der unbefangene Leser fragt sich hier jedoch einmal mehr, wie man an dieser Stelle richtigerweise eine wahre Erzählung sehen kann, während man gleichzeitig bei der Atlantisgeschichte nur Erfindung sehen will: Das passt natürlich nicht zusammen.)

Zum Geschichtsbild des zyklischen Katastrophismus sind folgende Anmerkungen zu machen: Zunächst ist es fraglich, ob die Gesamtperiode einer Drehrichtung des Kosmos wirklich 3 x 3000 = 9000 Jahre beträgt (S. 391). Die 9000 Jahre von Atlantis bezeichnen das Minimum einer solchen Gesamtperiode. Wenn man bedenkt, dass man bei Platon außerdem eine Zahl von 10.000 Jahren und dass man bei Herodot sogar eine Zahl von mehr als 11.340 Jahren findet, könnte die Gesamtperiode nach Vorstellung Platons wohl eher 4 x 3000 = 12.000 Jahre betragen haben. Das ist aber unklar.

In der Interpretation des Politikos-Mythos wird eine falsche Zuordnung der Zeitalter des Zeus und des Kronos vorgenommen. Nach Meinung des Rezensenten bezeichnet das Zeitalter des Zeus das "Vorwärtsdrehen" des Kosmos, während das Zeitalter des Kronos das "Rückwärtsdrehen" bezeichnet. Beate Fränzle jedoch meint, die beiden Zeitalter innerhalb der Periode einer Drehrichtung finden zu können: Zuerst das Zeitalter des Kronos, dann das Zeitalter des Zeus (S. 386; vgl. die Grafiken im Anhang: S. 671, 674).

Die Darstellung der Rezeption von Platons Geschichtsbild bei dem Begründer der Paläontologie Georges Cuvier (1769-1832) ist verdienstvoll (S. 574-630). Allerdings fehlt eine allzu klare Analyse, speziell auch zu Atlantis (Cuvier glaubte nicht (!) an Atlantis). Ebenso wurde nicht gesehen, dass Cuvier mit seinen Deutungen nicht allein ist, sondern in einer langen Reihe von Forschern steht. Beate Fränzle hat neben Cuvier noch William Buckland gesehen, doch es sind noch viel mehr Forscher! All das wird sehr viel besser in dem Buch "Kritische Geschichte der Meinungen und Hypothesen zu Platons Atlantis" von Thorwald C. Franke aus dem Jahr 2016 aufgearbeitet. Dass Beate Fränzle dieses Buch nicht rezipiert hat, ist schade, es hätte ihrem Thema sehr geholfen.

Sammelkapitel: Formale Kritik

Hier wollen wir alle möglichen Kritikpunkte sammeln, die sich auf formale Aspekte beziehen. Generell ist zu sagen, dass dieses Buch posthum veröffentlicht wurde. Es ist also davon auszugehen, dass es von der Autorin nicht so "glatt geschliffen" werden konnte, wie dies normalerweise geschieht. Das ist auch an vielen Stellen zu sehen. Darüber geht aber nichts verloren, im Gegenteil: Der Leser glaubt sich der wahren und ehrlichen Meinung der Autorin mit allen Zweifeln, Unsicherheiten und Überzeugungen häufig näher, als dies in allzu glatten Publikationen der Fall ist. Das Buch ist jedenfalls geschliffen genug, um gut und flüssig verstanden zu werden. Wirklich störende Fehler gibt es fast gar nicht, und das auf 685 Seiten!

Etwas störend ist, dass es nummerierte Kapitel und unnummerierte, aber unterstrichene Kapitel gibt, die teilweise gleichgeordnet sind. Ebenfalls verwirrend ist die Fülle von Einleitungen, Einführungen, Vorworten, Prologen und Vorbemerkungen, die vielfach ineinander geschachtelt sind, bevor man endlich zum Haupttext mit der eigentlichen These vorstößt. – Manches hätte man besser als "Exkurs" betitelt, teilweise geschieht das auch. Die Kapitel-Nummer "0" hätte man besser vermieden, dafür hätte man ein eigenes Kapitel für die Solon-Passagen spendieren können. Manche wichtige Aussage wurde in Fußnoten versteckt, das sollte man grundsätzlich nicht tun, aber mit diesem Problem ist Beate Fränzle nicht allein.

Die Formatierung des Textes ist teilweise problematisch. Insbesondere Zitate und Passagen aus antiken Werken hätten kompakter formatiert werden können. Der Satz enthält hier viel Luft, und die eigentliche Passage mit dem Originaltext bzw. der Übersetzung hätte vom Schriftsatz her besser von den Erläuterungen drumherum abgesetzt werden können. Die Präsentation von Altgriechisch-Passagen in kopierten Bildern, statt den Text direkt in altgriechischer Schrift zu setzen, ist ebenfalls verbesserungswürdig.

Auf S. 99 hätte statt des Wortes "antike Wurzeln" das Wort "religiöse Wurzeln" stehen müssen. Überflüssig sind erklärende Einschübe wie "(neugriechisch Évia)" hinter "Euboia". Manchmal gibt es lange Sätze in Klammern. Lästig sind manche Abkürzungen, die man nach einiger Zeit aber kennt: M.-E. und E.-E. hätte man z.B. besser konsequent als Musen-Elegie und Eunomia-Elegie ausgeschrieben.

Das Vorwort des Ehemanns von Beate Fränzle, Stefan Fränzle, ist etwas eigenwillig, aber nach einigem Überlegen ist der Rezensent zu dem Schluss gekommen: Das ist gut so! Denn hier bekommt man authentisch zu sehen, wie eine fachfremde Person auf dieses Thema blickt. Wer in der Vermittlung von Wissenschaft tätig ist, kann hier viel lernen.

Die Satelliten-Fotos im Anhang sind etwas unmotiviert. Karten wären besser gewesen.

Schließlich wird im Schriften-Verzeichnis der Autorin nicht erwähnt, dass diese früher nicht Fränzle sondern Noack und Noack-Hilgers hieß, und dass viele ihrer Publikationen nur unter diesem Namen zu finden sind.


Bibliographie

Fränzle (2023): Beate Fränzle, Solon bei Platon, in: Georges Goedert / Martina Scherbel (Hrsg.), Perspektiven der Philosophie – Neues Jahrbuch, Band 49, Koninklijke Brill NV, Leiden 2023; S. 171-208.

Fränzle (2025): Beate Fränzle, Solons Götter – Platons Theologie. Mit einem Anhang: Zur Rezeption der sogenannten Kataklysmen-Theorie (Aristoteles, Cuvier, Platon), Band 30 der Reihe: Flensburger Studien zu Literatur und Theologie, hrsgg. von Markus Pohlmeyer, Verlag IGEL Literatur & Wissenschaft, Hamburg 2025.

Franke (2006/2016): Thorwald C. Franke, Mit Herodot auf den Spuren von Atlantis – Könnte Atlantis doch ein realer Ort gewesen sein?, zweite verbesserte und vermehrte Auflage, Verlag Books on Demand, Norderstedt 2016. Erste Auflage war 2006.

Franke (2010/2016): Thorwald C. Franke, Aristoteles und Atlantis – Was dachte der Philosoph wirklich über das Inselreich des Platon?, 2. erweiterte Auflage, Verlag Books on Demand, Norderstedt 2016. Erste Auflage war 2010.

Franke (2016/2021): Thorwald C. Franke, Kritische Geschichte der Meinungen und Hypothesen zu Platons Atlantis – von der Antike über das Mittelalter bis zur Moderne, 2. Aufl. in zwei Bänden, Verlag Books on Demand, Norderstedt 2021. Erste Auflage war 2016 in einem Band.

Franke (2021): Thorwald C. Franke, Platonische Mythen – Was sie sind und was sie nicht sind – Von A wie Atlantis bis Z wie Zamolxis, Books on Demand, Norderstedt 2021.

Herter (1928): Hans Herter, Platons Atlantis, in: Bonner Jahrbücher Nr. 133 (1928); S. 28-47.

Morrow (1960): Glenn R. Morrow, Plato's Cretan City – A Historical Interpretation of the Laws, Princeton University Press, Princeton/NJ 1960.


Die Autorin

Beate Fränzle (1961-2024) hatte ein lange Karriere als Wissenschaftlerin vorzuweisen, wie man den Klappentexten ihrer Publikationen entnehmen kann:

Beate Fränzle publizierte früher auch unter den Namen Beate Noack und Beate Noack-Hilgers.



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