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Eine seltsame Debatte um die Authentizität des Kritias

Meine Argumente – und was wirklich hinter dieser seltsamen Debatte steckt

Thorwald C. Franke
© 09.+10. April 2020


2017/2019 ist eine kleine Debatte um die Authentizität des Dialoges Kritias aufgeflammt. Marwan Rashed und Thomas Auffret von der Université de Paris-Sorbonne, Département de Philosophie, argumentieren, dass es angeblich Diskrepanzen zwischen den Dialogen Timaios und Kritias gäbe, die darauf hinweisen würden, dass der Dialog Kritias nicht von Platon stammt. Gegen diese These wendet sich Harold Tarrant.


Tarrants seltsame Argumente

Harold Tarrant argumentiert vor allem mit Stilistik und mit Überlegungen zu der Frage, welche Anteile Platons "Sekretär" Philip von Opus an dessen späten Dialogen hatte. Argumente, die mehr am Inhalt der Dialoge festgemacht sind, und die sich direkt gegen die Argumentation von Rashed/Auffret wenden, werden bei Tarrant eher kurz abgehandelt.

Tarrant erklärt sogar explizit, dass er nicht zwingend argumentieren sondern vor allem Denkanstöße geben möchte. Das ist schon etwas seltsam. Warum so "weich"? Und warum inhaltliche Argumente nur am Rande? Tarrant schließt sich sogar an manchen Irrtum von Rashed und Auffret an!


Meine Argumente

Deshalb sollen hier einige inhaltliche Argumente präsentiert werden. Zu einem kleinen Teil gibt es Überschneidungen mit den Argumenten Tarrants.

Gegen die These, dass Hermokrates im Timaios – anders als im Kritias – nicht als Redner vorgesehen ist, und dass die drei Dialogteilnehmer von Sokrates nur als Gruppe angesprochen werden und als Gruppe agieren:

(x) In Timaios 17ab verspricht der Dialogteilnehmer Timaios auf Nachfrage des Sokrates, dass der Part des abwesenden Unbekannten Vierten von den verbleibenden Dialogteilnehmern übernommen wird. Dass die Frage, wer den Part des Abwesenden übernimmt, überhaupt erst aufkommt, noch bevor überhaupt über die Verteilung der Rollen bei der Gegenpräsentation gesprochen wurde, zeigt, dass jeder der Dialogteilnehmer sprechen sollte. Denn sonst wäre es unnötig gewesen zu fragen, wer den Part eines abwesenden Dialogteilnehmers übernimmt.

(x) In Timaios 19d-20a spricht Sokrates jeden einzelnen Dialogteilnehmer an, dass und warum jeder einzelne von ihnen über die Fähigkeit verfügt, die erforderliche Gegenpräsentation zu geben. Wenn nicht jeder von ihnen zu sprechen hätte, und wenn sie als eine Gruppe angesehen worden wären, warum dann diese individuelle Ansprache jedes einzelnen?

(x) In Timaios 20cd meldet sich Hermokrates einmalig im Timaios zu Wort, und spricht so enthusiastisch über die zu gebende Gegenpräsentation, dass man nicht glauben möchte, dass er dabei in Wahrheit nichts zu sagen hat: "Gewiss, lieber Sokrates, bereitwillig wollen wir versuchen, es, wie Timäos da sagte, an nichts fehlen zu lassen, auch haben wir keine Ausflucht, Dem uns zu entziehen" (Übersetzung Hieronymus Müller).

(x) In Timaios 26c wird gesagt, dass Kritias seinen Stoff den anderen beiden, Timaios und Hermokrates, vortrug, damit sie für ihren Vortrag auch davon profitieren würden. Die Stelle ist übersetzerisch nicht eindeutig, aber es kann eigentlich nur so gemeint sein. Die Reden des Timaios und des Hermokrates sind tatsächlich beide mit der Rede des Kritias verknüpft: Timaios hält eine Rede, die die Geschichte von Ur-Athen und Atlantis vorbereitet. Hermokrates wiederum hält eine Rede, die sich vermutlich an die Wasserkatastrophe anschließt. Jedenfalls ist das vernünftig anzunehmen, und es wurde auch schon von etlichen Autoren vermutet.

Gegen die These, dass sich die Aussagen über Dichtung in Timaios und Kritias widersprechen:

(x) Sokrates kritisiert in Timaios 19d nicht die Dichtkunst als solche, ja nicht einmal die Dichter als solche, sondern – wenn man es genau nimmt – nur schlechte Dichtung und die ihm bislang bekannten Dichter, die eben "nur" Dichter sind. Deshalb ist es kein Widerspruch zum Timaios, wenn in Kritias 108b Timaios als Dichter bezeichnet wird. Man muss sich darüber im klaren sein, dass die Worte "Dichtung" und mythos bei Platon auch in einem Kontext verwendet werden, in dem wir modernen Menschen lieber von Wissenschaft und Vernunft sprechen. Wie schon Karl Popper sagte, findet in der modernen Wissenschaft die Hypothesenbildung auch mithilfe der Phantasie statt, um diese Hypothesen anschließend zu testen. Und genau eine solche wissenschaftliche Hypothese ist der eikos mythos des Timaios. Zur nützlichen Rolle der Dichtung im Sinne Platons vergleiche z.B. auch Politeia II 382d. (Wir sehen hier wieder, dass ein falsches Verständnis von mythos und Dichtung bei Platon zu Irrtümern führt.)

(x) Timaios spricht bereits im Dialog Timaios davon, dass seine Rede ein Werk der "Imitation" ist, genau wie im Dialog Kritias dann auch Kritias davon spricht (Timaios 29c, Kritias 107b): "Imitiation" ist aber das eigentliche Wesen der Dichtkunst, wie es in Timaios 19d zum Ausdruck kommt. Man kann "Imitation" im Sinne Platons nicht von der Dichtkunst ablösen.

Gegen die These, dass die Anrufung der Musen durch Kritias eine Diskrepanz sei, weil die Vorträge zu Ehren Athenes sind:

(x) Timaios ruft für seine Rede namentlich nicht genannte Götter im Singular und Plural an, warum sollte dann die Anrufung der Musen für die Rede des Kritias eine Diskrepanz sein?

(x) Die Vorträge sind zu Ehren Athenes, aber für das Gelingen der Vorträge muss nicht Athene angerufen werden.

Gegen die These, dass der Kritias eine Art pythagoreische oder neuplatonischer Numerologie enthielte, die unplatonisch sei:

(x) Hier folgen die Autoren offenbar Vidal-Naquet, Brumbaugh u.a. Wissenschaftlern, die hinter jeder Zahl im Kritias eine geheimnisvolle Bedeutung erkennen wollen. Zum Beispiel sehen sie eine Folge von Fünfen und Sechsen im Kritias. Wir sehen aber keine solchen Folge, und keine solchen geheimnisvollen Deutungen, und teilen die Meinung von Vidal-Naquet u.a. überhaupt nicht.

(x) Auch im Timaios ist manche "Zahlenspielerei" enthalten. Nicht mehr und nicht weniger kann man auch beim Kritias erwarten und tatsächlich vorfinden.

Gegen die These, dass der Timaios keine schriftliche Überlieferung durch Solon erwähne:

(x) Das ist unzutreffend. Schon Tulli (2013) S. 270 ff. hat richtigerweise festgestellt, dass bereits im Timaios implizit von einer schriftlichen Überlieferung durch Solon die Rede ist.

Gegen die These, dass Zeus im Kritias auf unplatonische Weise dargestellt wird:

(x) Das ist überhaupt nicht der Fall. Der Zeus im Kritias ist sehr platonisch, ein Gott der Gesetze. Ungereimtheiten gibt es eher bei Poseidon, dazu an anderer Stelle mehr.

Gegen die These, dass ein Vortragswettbewerb kein gemeinsamer Vortrag mehr wäre:

(x) Die Gemeinsamkeit des Vortrages und der Wettbewerb im Vortragen stehen nicht im Widerspruch zueinander. Der Wettbewerb betrifft das Vortragen selbst, und ist sportlich zu verstehen, um die Gegenpräsentation zu "würzen". Die Gemeinsamkeit betrifft eher die untereinander zusammenhängenden Inhalte der Vorträge.

Gegen die These, dass Kritias ein Trampel ist (was dann angeblich auch für den Autor des Kritias gilt):

(x) Dieses Argument wird initial bereits an Passagen im Timaios festgemacht, wo Kritias erzählt, dass Sokrates mit seinem Idealstaat nicht an Ur-Athen vorbei getroffen habe (Timaios 25e). Rashed und Auffret machen es auch an positiven Aussagen des Kritias in Kritias 21b-d über Solons Dichtung fest. Aber man ist in den Augen Platons gewiss kein Trampel, wenn man die Dichtung Solons schätzt.

(x) Die Deutung von Kritias als einem unphilosophischen Trampel ist aufs engste mit der Erwartungshaltung verbunden, Ur-Athen und Atlantis als Erfindungen Platons zu sehen. Die entsprechenden Aussagen dazu werden so übersetzt, als würden sie Perfektion und Vollkommenheit zum Ausdruck bringen, was Kritias wie einen Trampel aussehen lässt. Bei genauem Hinsehen ist das aber gar nicht der Fall. Dazu an anderer Stelle mehr.

Keine Grundlage für die Behauptung:

Ja, es erscheint zugegebenermaßen etwas seltsam, dass in Timaios 27ab nur Timaios und Kritias als Redner genannt werden, nicht aber Hermokrates. Diese Stelle ist der Ausgangspunkt der Argumentation von Rashed und Auffret. Aber so wie die Rede des Unbekannten Vierten in der Rede des Timaios enthalten ist (das ist an anderer Stelle zu zeigen), ohne noch extra erwähnt zu werden, so könnte man auch die Rede des Hermokrates als eine Art "Lessons learned" des vorangegangenen Dialoges des Kritias deuten, der die Hauptarbeit leistet, während Hermokrates eher eine Art "Anhang" liefert, weshalb Hermokrates nicht extra genannt wird, sondern nur die beiden Hauptredner. Wer weiß. Möglichkeiten gibt es viele.

Diese eine Passage genügt nicht, um darauf zu schließen, dass der Dialog Kritias nicht von Platon stamme. Und diverse kleinere Ungereimtheiten sind in Platons Dialogen nicht völlig ungewöhnlich, wie Tarrant zeigt.


Was hinter dieser Debatte steckt

Die Schädlichkeit der Erfindungsthese zu Atlantis

Das irrige Werk von Rashed und Auffret zeigt einmal mehr, wie schädlich die Erfindungsthese zu Atlantis inzwischen geworden ist: Denn Rashed und Auffret bauen auf einer Reihe von Irrtümern auf, die durch die Erfindungsthese aufgekommen sind. Sie verwirren sich deshalb konsequenterweise in einem Gordischen Knoten von widersprüchlichen Irrtümern, den sie nur noch dadurch auflösen zu können glauben, dass sie den Kritias zu einem unplatonischen Text erklären. So glauben sie z.B.

Es ist absolut verständlich, dass Rashed und Auffret zu falschen Schlussfolgerungen kommen, wenn sie konsequent auf diesen Irrtümern ihrer Vorgängergeneration aufbauen. Einmal mehr sehen wir, dass die Erfindungsthese die Platonforschung in die Irre führt, wenn sie konsequent zu Ende gedacht wird. Hier ein Zitat, in dem sehr klar wird, wie Rashed und Auffret in den Konsequenzen der Annahmen der Erfindungsthese gefangen sind, und wie sie sich nun in Konsequenzen hinein gezwungen sehen, an die niemand dachte, als man Atlantis zur Erfindung Platons erklärte:

"Consequently it seems to us impossible to defend a reading of the Critias that purports to find anything at all genuinely Platonic in the Atlantis account. To paint such a portrait of Critias as a grandiloquent speechifier, impervious to the spirit of Socrates and the values he stood for, is to destroy him as a philosopher. If Plato is the author of the Critias, the only viable exegetic option is Welliver’s: Plato wrote the Critias as an anti-Timaeus; it is a tissue of fictional twaddle fabricated to enhance by contrast the philosophic treatment of the world."

Und natürlich finden wir auch Vidal-Naquets "perversen" Platon wieder:

"It is totally beyond belief that Plato should write the whole of the Critias in order to set before us something deliberately designed as inferior to the Timaeus; that is the mark not just of a wily turn of mind – such as Plato does perhaps sometimes display –, but of a mind that is frankly perverse."

Man muss sich nur die Wortwahl ansehen. Offenbar sind die beiden Autoren derart durch die derzeit vorherrschende Erfindungsthese und deren schädliche Entwicklungen konditioniert, dass sie gar nicht mehr wahrnehmen, welch' traurige Ironie in ihren eigenen Worten steckt. Das sind die bitteren Früchte der Erfindungsthese.

Schluss: Warum Tarrants Argumente so seltsam sind

Vielleicht ist es dieser Gordische Knoten, der Harold Tarrant dazu veranlasste, inhaltliche Argumente und direkten Widerspruch eher zu vermeiden? Weil ein Widerspruch gegen Rashed und Auffret einen Widerspruch gegen zahlreiche Irrtümer bedeuten würde, die mit der Entwicklung der Erfindungsthese aufgekommen und heute verbreitet sind? Weil ihm die Konsequenzen der Erfindungsthese, wie sie von Rashed und Auffret präsentiert werden, unangenehm sind, er aber auch keinen Ausweg weiß?

Indem Harold Tarrant manche angebliche Diskrepanz zwischen dem Timaios und dem Kritias der Autorschaft des Philip von Opus zuschreibt, und nicht Platons, gibt er Rashed und Auffret sogar beinahe Recht! Es handelt sich um eine weitere gefährliche Entwicklung der Erfindungsthese. Was kommt als nächstes? Die Hypothese, dass der Anfang des Timaios nicht platonisch ist?! Die Konsequenzen der irrigen Erfindungsthese haben das Potential, die gesamte Platonforschung schwer zu beschädigen. Und mit ihr unsere Kultur von Humanismus und Rationalismus.


PS: Andere Kommentare

Im Juni 2018 kommentierte Carol Atack den Artikel von Rashed und Auffret in ihrem Buchreview zur überarbeiteten Neuauflage von Christopher Gills Atlantisbuch von 2017. In Verbindung mit Gills Überlegungen zu angeblichen Diskrepanzen zwischen den Dialogen Timaios und Kritias schreibt sie kurz, dass deren Artikel angesichts der Besonderheiten des Kritias eine Betrachtung verdiene.

Im Dezember 2018 hatte Jean-François Pradeau in einem Buchreview zur überarbeiteten Neuauflage von Christopher Gills Atlantisbuch von 2017 einige kurze Kommentare zu Rasheds and Auffrets Artikel eingefügt. Wie Tarrant weist auch er deren Schlussfolgerung zurück, argumentiert aber nicht direkt gegen deren Argumente, sondern akzeptiert eher die Idee von auffälligen Diskrepanzen zwischen den Dialogen Timaios und Kritias.


Literatur

Atack (2018): Carol Atack, Review of: Christopher Gill, Plato’s Atlantis Story – Text, translation and Commentary, 2017, in: Bryn Mawr Classical Review BMCR No. 2018.06.40.

Pradeau (2018): Jean-François Pradeau, Review of: Christopher Gill, Plato’s Atlantis Story – Text, translation and Commentary, 2017, in: Études platoniciennes Nr. 14 (online 19 December 2018); keine Seitenzahlen.

Rashed / Auffret (2017): Marwan Rashed / Thomas Auffret, On the Inauthenticity of the Critias, in: Phronesis Vol. 62 Nr. 3 (online 06 Jun 2017); S. 237-254.

Rudberg (1917/2012): Gunnar Rudberg, Atlantis och Syrakusai – En Studie till Platons Senare Politiska Skrifter, in: Eranos Nr. 17 / 1917; S. 1-80 mit Karte. Englische Erstveröffentlichung: Atlantis and Syracuse – Did Plato's experiences on Sicily inspire the legend?, hrsgg. von Thorwald C. Franke, übersetzt von Cecelia Murphy, Verlag BoD, Norderstedt 2012.

Tarrant (2019): Harold Tarrant, On Hastily Declaring Platonic Dialogues Spurious: the Case of Critias, in: Methexis Vol. 31 No. 1 (online 12 Apr 2019); S. 47-66.

Tulli (2013): Mauro Tulli, The Atlantis poem in the Timaeus-Critias, in: George Boys-Stones / Dimitri El Murr / Christopher Gill (Hrsg.), The Platonic Art of Philosophy, Festschrift für Christopher Rowe, Cambridge University Press, Cambridge / New York 2013; S. 269-282.

Anmerkung: Harold Tarrant ist leider nicht auf stilistische Ähnlichkeiten zwischen dem Kritias und den Nomoi eingegangen, wie sie z.B. von Gunnar Rudberg aufgespürt wurden. Deshalb führen wir Rudberg hier mit auf.



Dank geht an Oliver D. Smith,
der meine Aufmerksamkeit auf diese Debatte lenkte.


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