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Massimo Pallottino über das Atlantis des Platon

Thorwald C. Franke © 2009


Angeregt durch die 1951 von Wilhelm Brandenstein veröffentlichte Schrift „Atlantis – Größe und Untergang eines geheimnisvollen Inselreiches“ publizierte Massimo Pallottino bereits ein Jahr später in der Zeitschrift Archeologia Classica einen Beitrag mit dem Titel „Atlantide“ – „Atlantis“. Es war die Methode Brandensteins, mit der er Platons Atlantiserzählung zu interpretieren versuchte, die Pallottino aufmerksam werden ließ: Brandenstein hatte die Atlantiserzählung als eine „Sage“ im literaturwissenschaftlichen Sinne gedeutet, d.h. als eine Erzählung mit wahrem, historischen Kern, die durch weitere, teils mythische Bestandteile angereichert worden war.

Atlantis als offene Frage

Pallottino erblickte in diesem Ansatz eine neue und geradezu revolutionäre Methode, mit der der Gegensatz zwischen „Romantikern“ und „Skeptikern“ – wie Pallottino sich ausdrückte – überwunden werden könnte. Denn seiner Auffassung nach war die Frage nach Atlantis nach wie vor eine offene Frage. Die Versuche, Atlantis historisch oder skeptisch zu deuten, seien Versuche geblieben.

Für beide Seiten fand Pallottino dabei deutliche Worte: Den Atlantis-Suchern warf er vor, leichtgläubige und pseudowissenschaftliche Dilettanten zu sein. Den Skeptizismus der „offiziellen Wissenschaft“ (sic!) hingegen attributierte er als „hochmütig“ und warf den modernen Exegeten vor, mehr auf die eigenen methodischen Postulate als auf die frische Evidenz des antiken Textes geachtet zu haben. Der Öffentlichkeit kreidete er ein geradezu „krankhaftes“ Interesse an Atlantis an.

Mit der wissenschaftlich validen Methode Brandensteins sah Pallottino diese Gegensätze als definitiv überwunden an. „Skeptiker“ und „Romantiker“ würden damit gleichermaßen jenseits der Grenzen der Wissenschaft verwiesen werden.

Brandensteins Methode

Pallottino wollte mit seinem Artikel aber nicht nur Aufmerksamkeit auf Brandensteins Methode lenken – weswegen Pallottino eigenen Angaben nach einen ganzen Artikel und nicht nur eine Rezension verfasste. Er ergriff auch gleich die Gelegenheit, Brandenstein zu kritisieren und ein verbessertes, eigenes Ergebnis zu präsentieren, das er mit Brandensteins Methode erarbeitet hatte.

Wilhelm Brandenstein sah in der Atlantiserzählung zwei historische Überlieferungsstränge zusammenlaufen: Zum einen eine attische Lokaltradition über die Auseinandersetzung zwischen Athen und Kreta über die Vorherrschaft in der Ägäis. Zum anderen die ägyptische Seevölkerüberlieferung. Pallottino kritisiert daran vor allem eine Vernachlässigung des Aspekts der westlichen Lage der Insel Atlantis, sowie die Auffassung Brandensteins, dass die Seevölkerüberlieferung aus Ägpyten keine Informationen über fremde Völker enthalten haben könne.

Pallottinos Atlantisdeutung

Pallottinos Konzept stellt sich in der Tat deutlich komplexer dar als Brandensteins Ergebnis: Im Zentrum steht bei Pallottino als erster historischer Überlieferungsstrang die Erinnerung an eine westliche Insel, die Pallottino explizit als Sizilien konkretisiert. Manifest werde diese Überlieferung im Scheria Homers. Diese Erinnerung sei jedoch durch zwei Ereignisse überwuchert worden: Zum einen durch den Untergang der minoischen Kultur, der dazu geführt habe, dass man die Erinnerung an die westliche Insel mit der Erinnerung an die minoische Kultur vermengt habe. Zum anderen durch den Umstand, dass spätere Seeleute eine solche Insel natürlich nicht mehr finden konnten, was nach Auffassung von Pallottino den Mythos vom Untergang der Insel aufgebracht haben soll.

Den zweiten und dritten Überlieferungsstrang teilt Pallottino mit Brandenstein: Einmal die lokale attische Tradition bezüglich der Auseinandersetzung zwischen Athen und Kreta über die Seeherrschaft in der Ägäis, und dann die ägyptische Seevölkerüberlieferung, die bei Pallottino zwar mehr Inhalt über Fremdvölker transportieren kann als bei Brandenstein, aber hinter dem ersten Überlieferungstrang deutlich zurücktritt.

Weitere Bestandteile der Atlantiserzählung deutet Pallottino nicht als historische Kerne, sondern als Hinzufügungen und „Koloraturen“, darunter die Aspekte Libyen, Tartessos und Atlas. Damit nicht genug deutet Pallottino die literarische Absicht Platons dahingehend, dass der Atlanterkrieg an die Auseinandersetzung der sizilischen Westgriechen mit der Großmacht Karthago erinnern solle.

Würdigung

Es ist für die Atlantisforschung ein Glücksfall, dass sich ein weltweit führender und anerkannter Altertumsforscher des Themas in erfreulich offener Weise angenommen hat. Dass Pallottino die Frage nach Atlantis als eine offene Frage ansah und Atlantis-Sucher und Skeptiker gleichermaßen in die Schranken verwies, ist geradezu sensationell.

Auch ist Pallottino vollkommen darin beizupflichten, dass Wilhelm Brandenstein einen wichtigen Beitrag dazu geleistet hat, die Atlantiserzählung besser zu deuten. Es ist verdienstvoll, dass sich Pallottino dafür verwendete, darauf aufmerksam zu machen.

Kritik

Leider kann Pallottinos Atlantisdeutung nicht überzeugen. Sie stellt eine Verschlimmbesserung der Atlantisdeutung Brandensteins dar. An erster Stelle ist selbstverständlich zu kritisieren, dass die ägyptische Seevölkerüberlieferung bei Pallottino eine noch randständigere Rolle spielt als bei Brandenstein. Damit wird der im Atlantisbericht selbst behauptete Überlieferungsweg zu einer Marginalie. In Wahrheit dürfte es eher so sein, dass die bei Pallottino im Zentrum stehende Scheria-Überlieferung, so sie sich denn auf Atlantis beziehen sollte, unabhängig von Seevölkerüberlieferung und Atlantisbericht auf uns gekommen ist.

Auch ist Pallottinos Hauptüberlieferungsstrang reichlich verquast: Die Überwucherung einer Erinnerung an Sizilien durch die Erinnerung an die untergegangene minoische Kultur Kretas und das daraus folgende Aufkommen eines Untergangsmythos, weil eine Insel von solcher Kultur nicht mehr existiert, ist doch eher sehr unwahrscheinlich bzw. fast abstrus.

Gänzlich zu vermissen sind Überlegungen zu einer lokalen attischen Überlieferung bezüglich der Verhältnisse in Ur-Athen selbst. Die Auseinandersetzung Athens mit Kreta hingegen wird kaum etwas mit der Atlantisüberlieferung zu tun haben. Sollte doch etwas davon in die Atlantiserzählung eingegangen sein, so wäre dies ein Irrtum Platons. Die Bedrohung der Westgriechen durch Karthago ist in der Atlantiserzählung nirgends zu erkennen.

Atlantis kein realer Ort

Bei Brandenstein konnte man noch sagen, dass seine Vorstellung von Atlantis es wirklich rechtfertigt, von Atlantis als einem realen Ort zu sprechen: „Seine“ Seevölker kamen von Kreta, und „sein“ Athen kämpfte mit Kreta. Also war Kreta im Sinne Brandensteins tatsächlich Atlantis.

Bei Pallottino hingegen sind wir über die Grenze zwischen Realität und Fiktion bzw. Irrtum hinaus: Hier macht es keinen Sinn mehr, von Atlantis als einem realen Ort zu sprechen. Zwar stünde Sizilien hinter dem Topos von der Insel im Westen, aber nach Pallottino würde auf Sizilien die minoische Kultur fehlen, deren Elemente ja erst im Laufe der Sagen-Bildung von Kreta auf Sizilien projiziert worden sein sollen. Auch der Kampf Athens mit Kreta bezöge sich nicht auf Sizilien, sondern eben auf Kreta. Die Seevölker wiederum kamen laut Pallottino von Sardinien oder aus Illyrien. Auch würden wesentliche Teile der Atlantiserzählung nach Pallottino nicht Teil des historischen Kerns sondern Hinzufügungen sein, so z.B. der König Atlas.

Damit zersplittert sich nach Pallottino die Herkunft der Atlantis-Überlieferung auf verschiedenste Orte. Es macht deshalb keinen Sinn, bei Pallottino von Atlantis als einem realen Ort zu sprechen. Es wäre irrig, unter Berufung auf Pallottino etwa Kreta oder Sizilien oder Sardinien oder Illyrien oder Libyen als Atlantis ansprechen zu wollen. Wenn einer dieser Orte sich eines Tages als Atlantis herausstellen sollte, so könnte Pallottino nicht als einer von denen gelten, die diesen Ort schon zuvor für Atlantis hielten. Denn keinen dieser Orte hielt Pallottino für Atlantis.

Für Pallottino war Atlantis statt eines realen Ortes eine irrtümliche Kombination und Überwucherung verschiedenster historischer Überlieferungskerne, Mythenbildungen und Irrtümer. Atlantis wäre in diesem Sinne zwar keine Erfindung des Platon gewesen, wohl aber ein Irrtum und Missverständnis der Überlieferung und des Platon.

Schluss

Es bleibt das Verdienst Massimo Pallottinos, den Wert von Wilhelm Brandensteins Methode erkannt und propagiert zu haben. Jedoch lässt das von Pallottino erzielte Ergebnis noch mehr als das Ergebnis Brandensteins zu wünschen übrig. Hingegen fällt deutlich ins Gewicht, dass ein international anerkannter Wissenschaftler vom Fach darauf hinwies, dass die Frage nach Atlantis noch immer eine offene Frage ist.

Verwendete Literatur

Wilhelm Brandenstein, Atlantis – Größe und Untergang eines geheimnisvollen Inselreiches, Heft 3 aus der Reihe: Arbeiten aus dem Institut für allgemeine und vergleichende Sprachwissenschaft Graz, hrsgg. von Wilhelm Brandenstein,Verlag Gerold & Co., Wien 1951.

Thorwald C. Franke, Ein Wissenschaftler pro Atlantis – Prof. Dr. Wilhelm Brandenstein und sein Beitrag zur Atlantis-Forschung, in: Mysteria3000 2/2006. Vgl. www .mysteria3000 .de/wp/?p=219

Massimo Pallottino, Atlantide, Archeologia classica Nr. 4/1952, S. 229-240. Brandenstein (1951): Wilhelm Brandenstein, Atlantis – Größe und Untergang eines geheimnisvollen Inselreiches, Issue 3 of the series: Arbeiten aus dem Institut für allgemeine und vergleichende Sprachwissenschaft Graz, edited by Wilhelm Brandenstein, published by Gerold & Co., Vienna 1951.



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