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Atlantis: Ein verspäteter Streit um Troja

Rezension zu:
Stephan W.E. Blum, Atlantis – Vom vielen Suchen und nichts finden

Thorwald C. Franke © November 2018


[Diese Rezension wurde als Teil einer umfassenderen Rezension geschrieben, die ein Werk zur Frage von Wissenschaft und Pseudowissenschaft bespricht, in dem der Beitrag von Stephan W.E. Blum enthalten ist.]

Das Thema Atlantis darf nicht fehlen, wenn es um Pseudowissenschaft geht. Denn das Thema Atlantis spielt eine prominente Rolle in pseudowissenschaftlichen Theorien und in vielen Atlantishypothesen bündeln sich wie in einem Brennglas die verschiedenen pseudowissenschaftlichen Thesen. Die Atlantisfrage ist zudem hervorragend dazu geeignet, die Möglichkeiten und Grenzen der wissenschaftlichen Methode zu verdeutlichen, und schließlich kann man hier auch die verschiedenen Grade der Wissenschaftlichkeit der Beschäftigung mit Atlantis aufzeigen.

Leider scheitert das Atlantiskapitel an diesem Anspruch völlig. Das Atlantiskapitel begeht einen schlimmen Fehler: Es wirft alle Atlantishypothesen unterschiedslos in einen Topf. Wissenschaftlich vertretene Thesen werden auf eine Stufe mit hanebüchenen Thesen gestellt. So wird Erich von Däniken wiederholt in einem Atemzug mit Eberhard Zangger genannt, der hier stellvertretend für alle wissenschaftlichen Atlantisthesen steht, die eine historisch-kritische Befragung von Platons Texten vertreten. Seltsamerweise wird Eberhard Zangger als einziger genannt, wie wenn da nicht noch mehr und noch "bessere" Wissenschaftler zu nennen wären. Wir werden gleich sehen, warum Eberhard Zangger hier so isoliert nach vorne geschoben und in "schlechte Gesellschaft" gebracht wird.

Das Atlantiskapitel geht so sicher davon aus, dass Atlantis von Platon nicht als realer Ort gemeint war, dass es glaubt, pauschalen Spott über Atlantissucher jedweder Art auskippen zu können. Das Diktum von Massimo Pallottino, dass die Atlantisfrage eine offene Frage ist, gilt hier nicht. Aber schlimmer noch: Das Atlantiskapitel versäumt es völlig, zu zeigen, warum Atlantis denn eine Erfindung sein soll, und nicht etwa eine verzerrte historische Überlieferung (so wie z.B. Herodot irrtümlich von Ägypten berichtete, dass es mehr als 11000 Jahre alt sei). Der Versuch einer Begründung für diese These wäre das mindeste gewesen.

Zudem finden sich zahlreiche Sachfehler. Gleich der erste Satz ist falsch: "Von vielen gesucht, aber von nur wenigen gefunden". Die Crux mit den meisten Atlantissuchern ist doch, dass sie ihre "Suche" meistens damit beginnen, dass sie bereits "gefunden" haben! In Wahrheit haben nur wenige wirklich gesucht, und noch niemand gefunden. Dann der Fehler, Atlantis mit den Attributen "exotisch" und "paradiesisch" zu verknüpfen: Selbst Christopher Gill ist von diesem Irrtum wieder abgekommen. Die Könige von Atlantis waren auch keine "Halbbrüder", sondern fünf Paare von Zwillingsbrüdern. Atlantis war auch nicht einfach eine Seemacht, sondern gleichermaßen See- und Landmacht (seltsamerweise kommt später im Kapitel der Vergleich zu Spartas Landstreitmacht, ohne dass noch von Seemacht die Rede wäre). Ebenfalls falsch ist, dass das Imperium von Atlantis dem attischen Seebund glich. Während aus Athens Verbündeten mit der Zeit Unterworfene wurden, ist ein solcher Vorgang in Platons Atlantisgeschichte in keiner Weise enthalten. Es ist auch falsch, dass sich die Könige von Atlantis aus Undankbarkeit gegenüber den Göttern mit Sterblichen zu paaren begannen. Vielmehr waren gar keine anderen Frauen da. Die Könige paarten sich von Anfang an nur mit Sterblichen. Und es verwässerte auch nicht ihre "Blutlinie": Das ist die Sprache der Rassisten des 19. Jahrhunderts, nicht aber die Sprache und das Anliegen Platons.

Es ist auch unzutreffend, dass Krantor u.a. über die Lage von Atlantis spekulierten. Niemand in der Antike stellte die Lage von Atlantis infrage. Weder konnte man damals den Meeresboden erforschen, noch stand den damaligen Menschen die historisch-kritische Methode und unser heutiges historisches Wissen zur Verfügung. Damals glaubte man wirklich, dass Ägypten über 11000 Jahre alt ist, und dass vor Gibraltar das Meer durch Schlamm unfahrbar war. Auch stimmt es nicht, dass Plinius die Existenz von Atlantis in Abrede stellte. Plinius zweifelte an der Größe von Atlantis. Ob er auch an dessen Existenz zweifelte ... ist Spekulation. Völlig falsch ist die Aussage, dass Atlantis im Mittelalter in Vergessenheit geriet, oder dass die neuzeitlichen Utopien in ihrem utopischen Charakter durch Platons Atlantis inspiriert worden wären (vgl. Thorwald C. Franke: Kritische Geschichte der Meinungen und Hypothesen zu Platons Atlantis, 2016).

Immerhin hat der Autor richtig erkannt, dass es sich bei dem Dialogpartner Kritias um einen älteren Kritias handelt, und nicht um Kritias den Tyrannen. Außerdem verschont er uns mit der ewig falschen These, dass Aristoteles sich gegen Atlantis ausgesprochen hätte (vgl. Thorwald C. Franke: Aristoteles und Atlantis, 2010), oder mit der ebenso ewig falschen These, dass "die Nazis" an Atlantis geglaubt hätten.

Völlig erstaunlich gerade für ein Werk, das sich gegen Pseudowissenschaft richtet, ist der Umstand, dass das Atlantiskapitel zahlreiche seiner Thesen durch Belegverweise auf Wikipedia zu untermauern versucht! Ein Wikipedia-Beleg für eine simples Faktum, wie z.B. Fußnote 10 zum Attischen Seebund, ist verzeihlich, aber hier sind zentrale Thesen betroffen. So z.B., dass der Zweck der Atlantiserzählung wäre, die Überlegenheit des Rechtsstaats zu zeigen. An dieser Aussage hängt die Sammelfußnote 7 mit Gill, Büttner und Wikipedia als Quellen. Gill und Büttner schweigen jedoch vom Rechtsstaat. Zudem enthält Büttners Arbeit zum Thema Atlantis nur wenige Zeilen in einer Fußnote und macht keine klare Aussage zur Frage nach der Realität von Atlantis. Nur Wikipedia stützt also die Behauptung. Überhaupt hangelt sich das ganze Atlantiskapitel auffällig eng am Aufbau der entsprechenden Wikipedia-Artikel zu Atlantis entlang.

Der Autor des Atlantiskapitels stammt aus dem Dunstkreis des Troja-Ausgräbers Manfred Korfmann. Seit Eberhard Zangger Manfred Korfmann mit seiner Atlantisthese zu Troja in die Parade fuhr, haben nun schon eine ganze Reihe von "Parteigängern" Korfmanns mit Vehemenz die These vertreten, dass Atlantis eine Erfindung Platons sein müsse und dass unterschiedslos alle Atlantissucher, vor allem aber Eberhard Zangger, nicht ernst genommen werden könnten. Alle diese Beiträge leiden an dem Eifer und der Parteilichkeit ihrer Autoren. Nun ist also 26 Jahre danach noch ein weiterer solcher Beitrag hinzugekommen. Das Trauma sitzt offenbar tief.

Heilung kann – so schon Platon – nur durch bessere Einsicht kommen: Natürlich ist die Atlantishypothese von Eberhard Zangger teils klar falsch und teils auch etwas unbeholfen. Troja ist nicht Atlantis. Zangger hatte das historisch-kritische Instrumentarium nicht gut ausgespielt. Ganz so schlimm wie hier behauptet ist es allerdings auch wieder nicht: So ist es z.B. falsch, dass Eberhard Zangger die Verzerrung der Atlantisüberlieferung allein an Solon festmachte. Er machte sie natürlich auch an den Ägyptern fest. Wenigstens Zanggers Ansatz ist legitim und im Grundsatz wissenschaftlich, und Zangger ist auch nicht der einzige und nicht der "beste" Wissenschaftler, der diesen Ansatz verfolgt hat. Dass ein Wissenschaftler nicht überzeugen kann und scheitert, macht ihn nicht automatisch zum Pseudowissenschaftler. Der historisch-kritische Ansatz unterscheidet sich grundlegend von pseudowissenschaftlichen Ansätzen, die Platons Beschreibungen ohne Berücksichtigung des historischen Kontextes wortwörtlich nehmen.

Deshalb ist es auch wenig fair (oder zeugt es von mangelnder Einsicht?), wenn das Atlantiskapitel mit den Worten endet, dass antike Textdokumente kritisch vor dem Hintergrund der je spezifischen historischen und literarischen Verhältnisse seiner Entstehung gedeutet werden müssen. Denn genau das tat Zangger, und genau das tun Atlantisskeptiker nicht, wenn sie jede historisch-kritische Interpretation, die vom Wortlaut Platons abweicht, verwerfen, und Dinge kurzerhand zur Erfindung erklären, die vielleicht durchaus ernst gemeint waren. Denn dann wäre auch Herodots 11000 Jahre altes Ägypten nichts weiter als eine Erfindung und eine (durchaus gelungene) quasi-historische Parabel, und niemand könnte dieses Ägypten finden.


Literatur:

Stephan W.E. Blum, Atlantis – Vom vielen Suchen und nichts finden; in: Stefan Baumann (Hrsg.), Fakten und Fiktionen – Archäologie vs. Pseudowissenschaft, Zaberns Bildbände zur Archäologie, Sonderbände der Antiken Welt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft wbg, Darmstadt 2018; S. 114-129; Anmerkungen S. 143.

Frank Kolb, Tatort "Troia" – Geschichte, Mythen, Politik, Schöningh Verlag, Paderborn 2010.

Eberhard Zangger, Die Luwier und der Trojanische Krieg, Verlag Orell Füssli, Zürich 2017.



Pictures: Public promotion pictures of the "Aquaman" movie 2018.



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